Mittwoch, 15. Dezember 2010

Vermummte Gestalten stapfen durch Schneeberge, die wie in der Wüste vom Wind aufgetürmt werden. Überhaupt ähnelt der Schneesturm draußen eher einem Sandsturm als dem Bild sanft fallenden Schnees. Der federleichte Pulverschnee ist eindeutig nicht dafür gedacht, liegen zu bleiben, daher lässt er sich von einer Schneewehe zur nächsten wehen, bis er letztendlich brutal von einer der Räumungsmaschinen auf einen Haufen gepresst wird, die teilweise schon meterhoch die Straßenränder säumen. Der Wind ist nicht nur eiskalt und kommt durch jede kleinste Ritze, er hat auch eine ungeheure Kraft, so dass er einen bei Gegenwind fast umwirft und so laut um die Hausecken heult, dass man Probleme mit dem Einschlafen haben kann.

Umso gemütlicher ist es dafür natürlich drinnen. Adventskerzen brennen auf dem Teller mit Schneemann und Weihnachtszwerg, der als Ersatz für den nicht zu findenden Adventskranz herhalten muss. Dafür erhellt meine kleine Wohnung ein typisch schwedischer Weihnachtsschmuck - ein hölzerner Kerzenhalter in Dreiecksform, der sieben Kunstlichter hält und mittlerweile ohne Ausnahme aus jedem Fenster in Mellerud leuchtet. Zwar musste ich auf den auch sehr häufig in den Fenstern hängenden Stern aus Budgetgründen verzichten, doch backen dafür in meinem kleinen Ofen „deutsche“ Plätzchen und füllen die Luft mit dem Duft der „Weihnachtsbäckerei“, die gleichzeitig auch als Ton erklingt. Rolf Zuckowski darf einfach nicht fehlen.
Obwohl sich die Vorweihnachtszeit hier wirklich genießen lässt, waren auch hier die letzten Wochen sehr ausgefüllt und stressig, daher blieb einfach keine Zeit, um einen neuen Bericht zu veröffentlichen.

Zwei Wochen dieser vergangenen Zeit standen allein unter dem Stern „Präsentationen“. Insgesamt fünf Präsentationen vor unterschiedlichstem Publikum standen auf dem Plan. Der Reigen begann mit einer Präsentation über Deutschland, die ich zusammen mit Mareike für eine Schule in Åmål vorbereitet hatte. Die mit Bildern und aufwendigem Musikmedley deutscher Künstler aufgepeppte Präsentation war für 13 bis 14jährige Schüler gedacht, die in vier Gruppen aufgeteilt nacheinander unserem Meisterwerk lauschten. Während wir daher viermal hintereinander das gleiche erzählten, durften die Schülergruppen in den anderen Räumen mehr über die Ukraine, Ungarn und Spanien erfahren, vorgetragen von den anderen Freiwilligen.

Präsentation der Ersten folgte Präsentation die Zweite. Diesmal gings für Mareike, Oliver und mich nach dreistündiger Fahrt in eine Stadt namens Varberg, die sich südlich von Göteborg an der Küste befindet. Dort sollten wir den Europäischen Freiwilligendienst an einer Hochschule vor ca. 60 Studenten vorstellen. Wir wussten vorher nicht wirklich, was uns erwarten würde und waren daher etwas aufgeregt.

Doch die Präsentation lief gut und ich bemerkte, dass mir das Präsentieren immer leichter fällt und ich mich durch kleine Patzer nicht mehr aus der Ruhe bringen lasse. Nach einem Mittagessen in der hervorragenden Mensa auf dem sehr neuen Campus hatten wir noch ungefähr fünf Stunden Zeit, um uns die Stadt ein wenig anzuschauen. Wir besuchten einen Markt im Zentrum und wanderten ein wenig durch die Straßen, der kleinen, aber schnuggeligen Stadt, die durch die Lage direkt an der Ostsee eindeutig ihren Reiz hat. Auch wenn es daher sehr windig und kalt war, besichtigten wir noch die Festung mit toller Aussicht aufs Meer, den Hafen und den im Sommer bestimmt sehr schönen Strand. Um uns aufzuwärmen, gingen wir ins „Blaue Café“, das wahrscheinlich nach der Farbe des Meeres im Sommer benannt ist. Wir haben es jedenfalls nur sehr grau gesehen. Es war ein schöner Tag, an dem wir uns sehr gut verstanden und noch mehr lachten.

Vor unserer Rückfahrt erstand ich noch einen Eiskratzer, da die Schweden manchmal echt komisch sind. Denn in dem Land mit Kälte, Eis und Schnee, findet man keinen Eiskratzer im Auto… Zurück in Åmål befreite ich dann aber mit meiner neuen Errungenschaft das Kommunenauto und brauste durch Dunkelheit zurück nach Mellerud.
Wenn ich Dunkelheit sage, dann meine ich eigentlich Schwärze. Denn man sieht ohne Licht wirklich absolut nichts! Mit unserer Dunkelheit lässt sich das nicht vergleichen, auch wenn es durch den Schnee nun nicht mehr ganz so extrem ist.

Präsentation die Dritte fand wiedermal in Åmål statt, diesmal im Rahmen des Youthpanels, einer Gruppe junger Leute aus Åmål, die sich einmal im Monat treffen, um über Themen Europa betreffend zu reden. Die Jugendlichen sollen so offener gegenüber anderen Ländern werden, so dass ein Vortrag über Deutschland da gut reinpasste. Kein Problem, da wir die Präsentation ja schon in der Tasche hatten. Außerdem sollte ich sowieso an dem Treffen teilnehmen, da wir planen, in Mellerud Ähnliches zu starten. Zusammen mit meiner Kollegin Charlotta werden wir eine Art Jugendrat starten, wo die Jugendlichen über Themen reden, die sie beschäftigen und so auch anfangen, sich zu engagieren. Wir hoffen nur, dass die Jugendlichen in Mellerud daran auch Interesse haben!
Präsentation die Vierte stand direkt am Tag drauf an, aber diesmal im trauten Mellerud, wieder an einer Schule. Ich hatte die anderen Freiwilligen angestiftet auch zu kommen, so dass die mir teilweise aus dem Deutschunterricht bekannten Schüler mehrere Länder kennen lernen durften.
Präsentation die Fünfte, zwei Tage später in einem kleinen Dorf nahe Åmål, diesmal allein, da Mareike krankheitsbedingt nicht mitkonnte. Die Schüler waren um die 12 Jahre alt, hatten aber trotzdem kaum Probleme meiner Präsentation in Englisch zu folgen. Ist schon beeindruckend, wie hoch das Englischlevel hier überall ist.
Das aber erstmal genug zu meiner Arbeit.

Widmen wir uns meiner Freizeit! Wie ihr ja alle wisst singe ich hier in einem Art Kirchenchor, wobei das „Art“ wirklich Groß geschrieben werden sollte! Denn das Konzert, das wir zweimal aufgeführt haben, ähnelte eher einer richtigen Show mit ausschließlich weltlichen Liedern von Künstlern wie Mariah Carey oder Bon Jovi, einem Disney-Medley und typischen schwedischen Weihnachtsliedern. Wir hatten pro Aufführung um die 800 Zuhörer, das Ganze war also wirklich groß aufgezogen. Der Chor wippte in roten Sister-Act-Kutten mit, die Solosänger performten in Kostümen von ABBA bis Michael Jackson. Trotz anstrengender 3,5 Stunden Aufführungsdauer hat es wirklich riesigen Spaß gemacht gerade mal diese andere Art von Musik aufzuführen und zum Erfahrungsschatz hinzuzufügen.

Die letzten zwei Wochen hatte ich Besuch von meiner Freundin Anna, den wir mit einem viertägigen Aufenthalt in Göteborg starteten. Ich besuchte diese wunderbare Stadt zum ersten Mal, die wirklich Eindruck bei mir hinterließ.
Wir entdeckten die Stadt durch Besuche in Museen, Restaurangs und Cafés, ausgiebigen Shoppingtouren und abendlichen Ausgehaktivitäten, die natürlich nicht fehlen dürfen! An einem Abend trafen wir uns mit meiner supernetten Arbeitskollegin Charlotta, die uns mit in eine Szenekneipe nahm. Dort lernten wir dann auch gleich mal den Schlagzeuger von der nicht ganz unbekannten Band „Peter, Björn and John“ kennen. Göteborg ist wirklich eine Stadt der Künstler, Musiker und kreativen Leute. Das zeigten uns auch Besuche im schnuggeligen Viertel „Haga“ und die Entdeckung des einfach sensationellen Cafés „Le Petit Café“. Dieser Ort ist einfach unglaublich und hat uns mit seinem Charme aus zusammengewürfelten alten Möbeln, liebevoller Deko, selbstgemachten Speisen zu wirklich günstigen Preisen und total netten Leuten einfach umgehauen.
Nur die Kälte lässt sich als negativer Aspekt unseres Aufenthalts nennen, da wir so meistens zu Aktivitäten drinnen gezwungen wurden. -13° und kälter hält man auf die Dauer nicht aus.

Die mutige Anna wagte sich dann in der Gefahr eines Kulturschocks mit mir ins kleine Mellerud, wo wir auch noch einige schöne und gefüllte Tage verbrachten. Wir besuchten zwei Konzerte, darunter ein „Lucia-Konzert“, das von der hiesigen Schule veranstaltet wurde. Zur Erklärung: Lucia ist hier in Schweden eine alte Tradition. Am 13. Dezember jedes Jahres zieht die vorher durch die Einwohner einer Kommune gewählte „Lucia“ (meist ein sehr hübsches Mädel um die 16 Jahre) mit Unterstützung durch die Stadt und singt an verschiedenen Orten. Dabei trägt sie einen Kranz mit Kerzen im Haar, der einerseits das Licht bringen soll (eigentlich fand dieser Zug früher am dunkelsten Tag des Jahres statt), aber leider auch schon vielen Mädels eine Kurzhaarfriseur beschert hat. Es sieht aber eindeutig sehr schön aus, wenn die in weiße Gewänder gehüllten Personen weihnachtliche Lieder singen und dabei Kerzen tragen.
Anna kam nicht nur in den Genuss eines kleinen Auftritts meines Chors in einem Altenheim sondern genauso wie ich auch eines abendlichen Bads im draußen gelegenen Whirlpools meiner Tutorin Anette, die uns zu leckerem Essen und interessanten Gesprächen eingeladen hatte. So machten wir also auch einen Abstecher ins Paradies. Stell dir Folgendes vor: es schneit und es ist stockdunkel, und du sitzt im wohlig warmen Whirlpool mit bunten Lichtern und wirst noch von verschiedenen Wasserstrahlen massiert. Da fehlen einem wirklich die Worte.
Sportlich waren Anna und ich aber auch, da wir uns eines Samstags nach „Hovfjället“ aufmachten, einem Skigebiet ca. drei Stunden entfernt von hier. Jacqueline und Ski-Fahren? „Moment mal“ - denkt ihr euch vielleicht. Und das dachte ich mir anfangs auch, als ich auf dem Hintern den Berg hinabrutschte. Doch meine Erfahrungen als 5-jährige auf rosa Disney-Skiern hatten sich anscheinend dann doch ausgezahlt! Denn nach einiger Zeit fand ich heraus, wie man Kurven fährt und noch besser: zu bremsen! Es hat dann sogar richtig Spaß gemacht! Zugegeben hatte ich auch sehr nette Hilfe von Sarah, der Nichte meiner Chefin Carina, die uns begleitet hat. Auch Mareike war dabei und so verbrachten wir vier Mädels einen wirklich schönen und lustigen Tag, der mir neben Muskelkater vom Skifahren auch welchen vom Lachen brachte.

Ich sitze mittlerweile schon in den Startlöchern. Anna ist heute Morgen gefahren und ich bin schon fleißig am Packen und Aufräumen, denn übermorgen geht’s los nach Paris zu meiner Schwester Hanna! Sie macht dort grade ihre Auslandsemester und so nutze ich die Chance dort auch endlich mal hinzukommen! Ich freu mich schon sehr darauf und hoffe, dass mich mein eingerostetes Französisch nicht im Stich lässt. Lustigerweise fallen mir im Moment nämlich immer nur schwedische Wörter ein, wenn ich Französisch sprechen will.
Meinem Schwedisch geht’s also bestens. Ich hatte in den letzten Tagen zwei nationale Tests, die ich voraussichtlich auch bestanden habe. Ich habe mir vorgenommen ab dem neuen Jahr kein Englisch mehr zu sprechen, jedenfalls nur noch im Notfall. Sonst wird das mit dem perfekten Schwedisch-Lernen etwas schwierig. Einen guten Vorsatz fürs Neue Jahr hab ich also schon :)

Ihr Lieben, bald bin ich bei euch und ich freu mich riesig darauf! An alle, die ich leider nicht sehen kann, sei es aus Zeitmangel oder wegen Ortsprobleme: ich wünsche euch besinnliche Weihnachten, ein frohes Fest und einen hoffentlich feucht-fröhlichen Rutsch ins Neue Jahr!

Alles Liebe für euch!
Eure Jacqueline

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