Und ich kann euch sagen: ich hätte nie gedacht, dass ein paar Sonnenstrahlen und längere Tage so gut tun können!
Zwar halten wir mittlerweile mit frühlingshaften Temperaturen mit, jedoch zeigen sich die Blumen und Blätter an den Bäumen etwas zögerlich und alles ist noch sehr kahl. Dass es aber nicht mehr lange dauern kann, bis es auch hier grünt und sprießt, konnte ich letzte Woche während eines Ausflugs mit den Naturfreunden im Wald sehen. Und da diese Naturfreunde, bei denen Birgitta (Deutschlehrerin, in deren Unterricht ich mithelfe und die mich mitgenommen hat) Mitglied ist, bei jedem Wetter ihre Ausflüge machen, befand ich mich plötzlich mit sechs älteren Naturliebhabern bei strömendem Regen auf einer zweistündigen Wanderung wieder, bei der wir einen Berg erklommen, Vögeln lauschten und nach dem Gesang die Art bestimmten und bei jeder zweiten Blume stehen blieben, um sie zu bestaunen. Eins hab ich aber auf jeden Fall gelernt: wie Elchkot aussieht…
Bevor ich euch nun aber mit den Unterschieden zwischen Reh- und Elchausscheidungen langweile, sind erstmal meine zuletzt erlebten Abenteuer an der Reihe.
Anfang März war mein erneuter Besuch in Deutschland an der Reihe, diesmal jedoch ging es in die Landeshauptstadt zu einer Studienfahrt mit meiner Deutschklasse und Birgitta. Dort erwarteten mich nicht nur ein entspanntes Programm aus nächtlichem Alexanderplatz, sonnigem Spaziergang entlang der bemalten East Side Gallery, verwirrender Stadtrundfahrt (da der Guide jede zweite Sekunde von Englisch auf Deutsch wechselte), Theaterbesuch, Shoppingtouren und guten Gespräche mit Birgitta, sondern auch ein vertrauter Abend mit meiner Mama, an dem wir mit Speis und Trank den Zufall feierten, dass wir genau zur gleichen Zeit in Berlin waren.
Leider wurde der ganze Aufenthalt etwas durch meine akuten Knie- und Rückenbeschwerden überschattet, die das viele Laufen sehr beschwerlich machten. Man kann aber in fast jeder schlechten Sache auch etwas Gutes sehen, denn so lernte ich zumindest wie das schwedische Gesundheitssystem funktioniert. Nachdem ich nämlich zurück in Schweden die Hürde genommen hatte, der Krankenschwester am Telefon meine Beschwerden auf Schwedisch zu schildern, ihr klar zu machen, dass ich keine schwedische Personennummer hatte (die man hier von Kontoeröffnung, Bezahlung im Internet bis zu Arztbesuchen überall braucht) und sogar die Frage „Wie denkst du, kann der Arzt dir bei deinem Problem helfen?“ gemeistert hatte, bekam ich einen Termin im „Vårdcentral“ (einer Art Behandlungszentrum), wo mir dann ein freundlicher Arzt weiterhelfen konnte. Und da ich unter 20 bin, war das Ganze für mich sogar umsonst!
Natürlich hielt mich das nicht vom nächsten Städte-Wochenendtrip ab, der mich Mitte März mit Anna und Mareike in Estlands Hauptstadt Tallinn führte. Es begrüßten uns Sonnenschein und eine wunderschöne Altstadt, in der auch unser günstiges und an eine WG ähnelndes Hostel lag. Nach einer ersten Erkundungstour und erleichternd erschwinglichen Restaurantpreisen, trafen wir uns mit einer Estin, die letztes Jahr in Åmål als Freiwillige war und uns ins tallinnsche Nachtleben einführte.
Leider war uns der Sonnenschein nicht auch noch am Samstag vergönnt, so dass wir bei Schnee und eisigen Temperaturen die trotzdem interessante und von einem Studenten geführte Stadttour mitmachten. Die unmenschlichen Temperaturen zeigten leider Wirkung bei mir und ich wurde zum ersten Mal richtig krank und durfte die ganze nächste Woche danach im Bett verbringen.
Mein wirklich schlechtes Timing verhinderte fast, dass ich am nächsten Wochenende bei zwei geplanten Konzerten mitwirken konnte.
Das erste Konzert war eine Art Wettbewerb für junge Künstler aus den Bereichen Gesang, Instrumental, Tanz und kreativer Arbeit wie Gestaltung oder Malerei, der den Namen „junge Kultur trifft sich“ trägt.
Da mir aber die sehr große neue Herausforderung „Solo-Singen mit Mikrofon vor größerem Publikum“ ausreichte, nahm ich nur als Gast teil. Trotz großer Aufregung und leider immer noch etwas erkältet wagte ich mich an zwei Lieder auf Deutsch und Schwedisch. Ich selbst hatte vorgeschlagen, etwas von meinem absoluten deutschen Lieblingskünstler Philipp Poisel zu singen. Und da er meiner Meinung nach in „Wo fängt dein Himmel an?“ von seiner Liebe zu Schweden singt (Wie sieht der Himmel aus, der jetzt über dir steht? / Dort wo die Sonne im Sommer nicht untergeht. / Wo fängt dein Himmel an und wo hört er auf? / Wenn er weit genug reicht, macht dann das Meer zwischen uns nichts mehr aus? / Du fehlst mir…) fiel meine Wahl natürlich auf dieses durch Gitarre gut zu begleitende Lied.
Da ich im Moment aber in Schweden bin, fand ich den Gedanken schön, auch etwas auf Schwedisch zu singen – und was würde sich da besser anbieten als das Titellied „Gabriellas sång“ des Films „Wie im Himmel?“. Und da auch dieses Lied irgendwie vom Himmel handelt passten die beiden umso besser zusammen.
Ich war vor allem stolz, dass ich mich der Herausforderung gestellt hatte und froh, die Möglichkeit bekommen zu haben, meine Chorstimme auch mal als Solostimme unter Beweis zu stellen. Die Rückmeldungen waren zumindest durchweg positiv.
Der mit Proben vollgestopfte Tag ging nach dem ersten Konzert gleich mit der Generalprobe für das zweite Konzert an diesem Tag weiter. Das sollte ein akustisches Konzert nur mit Kerzenbeleuchtung werden, das in der „Earth Hour“, also in der Stunde stattfinden sollte, in der die ganze Welt zum Ausschalten jeglichen elektronischen Lichts und somit zum Gedenken an den Klimaschutz aufgefordert ist. Bei dieser romantischen Atmosphäre sollte ich auf meinem Cello mit Klavierbegleitung die Humoresque von Dvorak spielen und ein Lied aus „Phantom der Oper“ begleiten.
Das hätte ich auch gemacht, wäre nicht fünf Minuten vor dem Konzert ein Mädchen gegen mein Cello gerannt, hätte ich nicht Schreckliches vorausahnend mein Cello hochgenommen und festgestellt, dass die D-Saite heruntergegangen war, hätte ich nicht mein Cello, den Bogen und ein Stimmgerät geschnappt und wäre dann nicht mit klopfendem Herzen und leichter Panik aus dem schon mit wartendem Publikum fast vollbesetzten Konzertsaal gerannt und hätte dann draußen versucht, die Saite wieder hochzuziehen Und wäre die Saite dann nicht aus Altersgründen gerissen und hätte ich nicht zusammen mit Helfern voller Panik das ganze Gebäude mit angrenzender Musikschule nach einer Ersatzsaite abgesucht und hätte erfolgreich eine gefunden, dann hätte ich auch nicht noch während das Konzertes mit meiner Klavierbegleitung nochmals „Gabriellas sång“ geübt und hätte diesen dann nicht völlig gegen die Programmordnung diesmal ohne Mikro gesungen. Ja, wäre das alles nicht passiert…
Das musikalische Wochenende war jedoch noch nicht vorbei, denn am nächsten Tag folgte ein Chorkonzert von meinem und zwei anderen Chören aus der Region. Natürlich konnte ich nach all dem psychischen und physischen Stress des Vortags dort nun völlig entspannt Lieder in der altbekannten und wohligen Sicherheit des Chors mitsingen.
Auch das darauffolgende Wochenende war von viel Musik geprägt, diesmal fungierte ich aber nur als Zuschauer. Am Freitag besuchte ich mit Mareike, Kristin (eine andere Deutsche, die im Europa Direkt-Büro in Åmål arbeitet) und Adrienn (eine deutschsprachige Ungarin aus Åmål, die nun auch in Mellerud arbeitet) eine Gastaufführung der Göteborger Oper. Das moderne Tanzstück mit dem Namen „Zwischen den Zeilen“ war wirklich sehr modern und beinhaltete seltsame Tanzeinlagen wie das Auf-dem-Boden-Rollen der Protagonisten, aber auch sehr gute Livemusik.
Am Sonntag machte ich mich dann zusammen mit dem Personalklub Melleruds selbst zur Göteborger Oper auf, um in dem wunderschön am Hafen gelegenen modernen Gebäude das Musical „Sunset Boulevard“ von Andrew Lloyed Webber anzuschauen. Es erwartete uns ein typisches Musical in sehr guter Ausführung und mit im Ohr hängenbleibender Musik.
Neben all den schönen Freizeitbeschäftigungen arbeite ich sogar auch noch nebenher. Und im Moment gibt es sogar richtig viel zu tun, was einerseits stressig, aber andererseits um ein Vielfaches besser als Langeweile ist!
Da in meinem Arbeitsalltag ja keinesfalls Präsentationen fehlen dürfen, besuchte ich zusammen mit Sonia den örtlichen ROTARY-Klub, der im Gegensatz zu anderen Ländern nicht nur aus wohlhabenden Menschen eines gewissen Gesellschaftsstatus besteht, sondern Mitglieder aus verschiedenen Gesellschaftsschichten versammelt.
Auch in der Schule war ich mal wieder Gast und versuchte die eher desinteressierten und mit Möglichkeiten und Angeboten überhäuften schwedischen Jugendlichen vom Europäischen Freiwilligendienst zu überzeugen.
Vom Kindergarten bin ich jetzt zur Grundschule gewechselt, wo ich in einer Vorschulklasse und einer zweiten Klasse mit im Unterricht bin. Nach dem ersten sehr chaotischen Besuch, in dem ich von den Zweitklässlern mit ungefähr zweihundert Fragen wie „Wie viel wiegst du?“ „Was heißt das auf Deutsch“ „Und was heißt DAS auf Deutsch?“ gelöchert wurde, verbrachte ich den Nachmittag in der „fritid“ – also der in schwedischen üblichen Nachmittagsbetreuung in der Schule. Dort ging es dann sehr viel entspannter zu und da ich auch hier wieder mal keine Arbeitsanweisungen erhalten hatte, begnügte ich mich damit, mit den Kindern „Himmel und Hölle“ und Seilspringen zu spielen. Ich bin mir noch nicht ganz sicher, ob es mir dort gut gefällt und ich muss die nächsten Male noch abwarten. Aber auf jeden Fall ist es eine Erfahrung mehr, die ich machen kann.
In meiner regulären Projektarbeit passiert im Moment eine Menge, da ich mit der Organisation einer Europawoche beschäftigt bin, die hier Mitte Mai stattfinden wird. Neben einem großen Europakonzert und mehreren Aktionen in den Schulen und Altersheimen, wird es auch Vorträge zum Freiwilligendienst und eine Ausstellung in der Bibliothek geben. Die meisten Ideen und deren Umsetzung kamen von mir und nachdem ich nun den Großteil der Ausführung an andere delegiert habe, liegt es an mir, die Übersicht und die Fäden in den Händen zu behalten. Ich bin schon sehr gespannt, wie alles nachher klappt und es liegt noch viel Arbeit vor mir. Aber es fühlt sich richtig gut an, die Fortschritte „meines“ Projekts zu sehen.
Ganz im europäischen bzw. internationalen Sinne nahm ich am Wochenende an der ersten und hoffentlich nicht letzten Grillparty dieses Jahres teil: mit vier Polen, einer Chinesin und zwei Schweden saßen wir gemütlich draußen und genossen während eines Spaziergangs zum Vänern die Natur.
Und während wir in der Abendstimmung durch den von Vogelgesängen und dem Duft von Tannennadeln durchdrungenen Wald liefen, hätte ich am Liebsten den „Frühlingsschrei“ ausgestoßen – so wie Ronja Räubertochter in ihrem Mattiswald mit den Wilddruden und Rumpelwichten und Graugnomen…
Mittlerweile weiß ich sogar, wie diese Waldbewohner auf Schwedisch heißen, weil ich mein erstes schwedisches Buch „Ronja Rövardotter“ nun erfolgreich beendet habe.
In den nächsten Wochen werde ich jedoch kaum Zeit für Buchlektüren haben, denn es stehen Besuche von zwei Freundinnen aus Deutschland über Ostern und von meiner Mama und Elisa für Mittsommer an, dazwischen reise ich selber nach Oslo, Helsinki, Brüssel und Schottland… Die noch übrigen drei Monate werden also wie im Flug vergehen und dann bin ich auch schon ganz bald wieder bei euch, ihr Lieben!
Fühlt euch umarmt und herzlichst gegrüßt!
Eure Jacqueline