Dienstag, 4. Oktober 2011

Manche haben vielleicht gar nicht mehr damit gerechnet, dass es den versprochenen letzten Blogeintrag noch geben wird. Doch obwohl ich nun schon seit über zwei Monaten zurück in Deutschland bin, möchte ich noch von meinen letzten Wochen in Schweden berichten. Zugegeben muss ich dafür schon etwas tiefer in meinem Gedächtnis wühlen, aber dann wird das Ganze vielleicht nicht so lang wie sonst :)

Eines der wichtigsten Ereignisse in Schweden ist ja bekanntermaßen „midsommar“ (Mittsommer), der immer am Freitag nach dem 21.Juni gefeiert wird. Diesen wichtigen Tag, der in der schwedischen Kultur seit Jahrhunderten tief verwurzelt ist, wollten auch meine Mama und meine Schwester Elisa nicht verpassen, die mich deshalb für eine Woche besuchten. Wir mieteten uns für eine Woche ein „sjöbod“ (Fischerhäuschen), das eigentlich ein neu gebautes schnuckelig kleines Ferienhäuschen ist, das auf einer langen Brücke am Hafen liegt. Man wohnt also AUF dem Wasser und hat nicht nur eine wunderbare Aussicht auf den Vänern sondern auch den ganzen Tag ein kostenloses Möwenkonzert inklusive.


Von dort starteten wir unsere Tagesausflüge: eine Wanderung zum Räuber-Ronja-Tochter-Schauplatz Sörknatten, ein schön gelegener Berg mit toller Aussicht auf Wälder und Seen und eine Fahrt nach Smögen, ein kleines Fischerdörfchen an der Küste mit typischen bunten Holzhäusern und kleinen Gässchen. Außerdem zeigte ich den beiden auch noch meine nähere Umgebung z.B. bei einem Frühstück in einer traditionellen „Kaffestuga“, wo es selbstgebackenes Brot mit Käse gab. Leckeres traditionelles Essen konnten wir auch bei Birgitta genießen, bei der wir zu selbstgemachten köttbullar im Runde der Familie und Kup-Spielen eingeladen waren.




Als krönender Abschluss war dann endlich der „Midsommarafton“ da (der Tag vor dem eigentlichen Mittsommertag), an dem die eigentlichen Feierlichkeiten stattfinden. In jedem Dorf und auf jedem Platz werden mit Blumen und Bändern feierlich geschmückte Mittsommerstangen aufgestellt und dann tanzen Groß und Klein Hand in Hand darum. Mit diesen Erwartungen gingen also auch wir zu einer Feier im nächsten Dorf Dals Rostock, wo uns erst mal ein Regenschauer erwartete. Sobald aber die Liveband mit ihren traditionellen Liedern zu spielen begann, lugte die Sonne hinter den Wolken hervor und hielt den Regen fast bis zum Schluss zurück. Und auch wir tanzten! Und wurden durch unsere Begeisterung beim Lied „små grodorna“ (kleine Frösche) und unser Mitmachen bei den obligatorischen Bewegungen (hier auch bekannt als „Ententanz“) gleich als Einheimische akzeptiert. Zusammen mit Camilla, einer Freundin Anettes aus dem Chor und ihrer Familie, picknickten wir dann noch ganz schwedisch auf der Wiese.

Am nächsten Tag hieß es dann Abschied nehmen von meiner Familie, aber ja nur auf kurze Zeit. Weil ich aber nicht auch vom Ferienhäuschen schon gleich Abschied nehmen wollte, lud ich mir noch Kristin ein. Wir genossen einen lauen Sommerabend beim Grillen auf der Terrasse oder besser auf dem „Balkon über dem Wasser“ und wurden dann noch ziemlich überrascht. Plötzlich kamen nämlich Anette und Ingmar mit ihrem Motorboot angefahren und nahmen uns noch spontan auf einen kleinen Ausflug auf den See mit - während die Sonne unterging und den Hafen in wunderschönes sanftes Abendlicht tauchte. Um eine so besondere Atmosphäre nochmal genießen zu können, begaben Kristin und ich uns um ca. 3.40 aus dem gemütlichen Haus hinaus, um beim Erdbeeren essen den Sonnenaufgang zu bewundern. Ja, 3.40…

Mein Abschied rückte immer näher doch durfte ich natürlich nicht fahren bevor ich nicht beim „Kanalyran“ in Mellerud sowie dem Åmål Bluesfestival war. Beides sind Stadtfeste, die es schon jahrelang gibt und jedes Mal aufs Neue mit Spannung von den jeweiligen Einwohnern erwartet werden. Das „Kanalyran“-Fest besteht aus Auftritten zahlreicher lokaler Bands und meist einem größeren Act einer internationalen Band, Essen und Trinken und ganz vielen Angeboten für Kinder – wie man es von Schweden auch nicht anders erwarten würde. Zusammen mit Anna und Mareike genossen wir also ein Wochenende lang ein Mellerud, das ich im ganzen Jahr noch nie so belebt und voller Menschen gesehen hatte.

Gleiches kann man eigentlich auch von Åmål sagen, wobei dort zum Bluesfestival internationale Größen der Bluesszene kommen und das Festival auch außerhalb Schwedens sehr bekannt ist. Auf den Straßen, in Zelten und auf den zahlreichen Bühnen konnte man also Saxophon- und Gitarrenklängen lauschen und seit langer Zeit mal wieder das tolle Gefühl genießen, sich zwischen Menschen durchquetschen zu müssen…

An einem der letzten Abende bei Anette kam ich noch zu einem ganz besonderen Genuss. Auf dem Rückweg mit meiner Begleitung Camilla im Cabrio sahen wir plötzlich und einfach so eine Elchmama mit zwei kleinen Elchen! Und dass sogar die Schwedin Camilla ziemlich beeindruckt war, soll auf jeden Fall was heißen!

Dann waren tatsächlich meine letzte Arbeitswoche und die letzte fika gekommen und ich nahm von den meisten Leuten Abschied. Ein seltsames und surreales Gefühl.

Ein großes Highlight stand mir aber noch bevor, denn Mareike und ich machten uns mit einem nigelnagelneuen Opel Astra zu einem Roadtrip durch den südlichen Teil Schwedens auf. In kleinen Städten hat man nämlich den Vorteil, dass jeder jeden kennt, wir also über ein paar Ecken unser treues Auto zum Sonderpreis ausleihen konnten.

Anders wäre es auch wirklich schwierig geworden, zu den ganzen schönen, aber abgelegenen Orten zu kommen, die wir auf unserer Reise besuchten. Wir hatten uns einen ziemlich straffen Zeitplan gemacht, der im Schnitt die Besichtigung von zwei Städten am Tag beinhaltete und wir nicht länger als eine Nacht an einem Ort verweilen konnten. Doch da wir wirklich noch etwas von diesem wunderschönen und doch sehr großen Land sehen wollten, blieb uns eigentlich nichts anderes übrig.

Die erste Etappe führte uns zum nördlich gelegen Siljansee, wo wir in der ersten Nacht gleich direkt am See unsere neue Campingausrüstung, bestehend aus Gaskocher, Zelt und Campingstühlen, ausprobierten und als eindeutig sehr gut geeignet beurteilten. Dort erwarteten uns dann am nächsten Tag die Städte Mora, wo der berühmte Wasalauf - ein sehr bekannter Skilanglaufwettbewerb, an dem sogar der König und die Kronprinzessin schon teilnahmen - in sein Ziel geht und Falun, wo wir eine der dunklen und kalten Kupfergruben besuchten, von wo als Nebenprodukt die berühmte rote Farbe für die schwedischen Häuser gewonnen wird. In dieser Region wird auch das „Dalahäst“ (rotes Holzpferd), eines der Wahrzeichen Schwedens handgefertigt und mit hunderten von anderen Touristen kann man bei der Herstellung zusehen. Die Touristenattraktion lohnt sich aber wirklich, denn allein auf dem Weg durch die kleinen Dörfer, die noch aus dem letzten Jahrhundert scheinen, blieb auch bei uns ein bisschen die Zeit stehen.

Das kann man auch von dem einzigartigen und wunderschönen Haus des Malers Carl Larsson behaupten, welches seine Kinder liebevoll restauriert haben, so dass es wieder aussieht wie in ihren Kindheitstagen. Überall hängen seine Gemälde; Möbel, Wände und Fenster sind angemalt und mit für die Zeit sehr modern gestaltete Textilien dekoriert, die seine begabte Frau herstellte. Die beiden waren ihrer Zeit so weit voraus, dass sogar ab und an ein paar IKEA-Designer vorbeischauen, um sich von ein paar guten Ideen inspirieren zu lassen. Das Original des bekannte Bettes, das aussieht wie eine Küchenbank und einige Schubladen zur Aufbewahrung drunter hat, steht zum Beispiel dort. Das Haus liegt in einem total schön angelegten Garten direkt an einem kleinen Weiher und ist wirklich eine Idylle.

Ein Stück davon entfernt an einem kleinen See campten Mareike und ich dann auch das erste und einzige Mal wild. Einen schöneren Ort hätten wir uns dafür auch wirklich nicht aussuchen können. Auf einer kleinen Halbinsel bereiteten wir mit Blick aufs Wasser unser Essen zu, schauten in unseren Campingstühlen den Sonnenuntergang über dem See an und schliefen beim Rauschen des Windes in den Bäumen ein.

Die nächste Etappe führte uns nach zuerst nach Uppsala mit seiner Universität, einem rosafarbenen Schloss und den ganz alten Teil, bestehend aus Grabhügeln; und dann nach Örebro mit einem tollen Freilichtmuseum und einer schönen Altstadt. Weiter ging‘s zum kleinen Motala, das am Götakanal liegt, der den Vätternsee mit den Schären Stockholms verbindet. Dort deckten wir uns zwecks mangelnder weiterer Attraktionen in einem kleinen Antiquitätenladen am Hafen mit allen dort vorhandenen Astrid-Lindgren-Büchern ein. Nach Zwischenhalten in der mittelalterlichen Stadt Vadstena sowie in Linköping, wo wir dank des hervorragend erhaltenen unbewohnten alten Teils der Stadt und einigen alt gekleideten Schauspielern mal wieder um ein Jahrhundert in der Zeit zurückversetzt wurden, näherten wir uns dem Herzstück unserer Reise: Vimmerby.

Die Geburtsstadt Astrid Lindgrens ist an sich schon eine Stadt wie aus dem (Astrid-Lindgren)Bilderbuch, doch machen der riesige Vergnügungspark „Astrid Lindgrens Welt“ und ihr Geburtshaus das Ganze noch lebendiger und authentischer. Im Park sind die jeweiligen Schauplätze der Bücher liebevoll nachgebaut und werden den ganzen Tag durch scheinbar direkt daraus hervorgeholten Schauspielern mit kleinen Szenen zum Leben erweckt. Man könnte wirklich glauben, in Lönneberga, Nangijala oder Bullerbü zu sein… Auch die Führung durch Astrids Geburtshaus brachte uns der Kindheit der Autorin näher und im Garten konnten wir sogar den originalen Limonaden-Baum aus den Pippi-Langstrumpf-Büchern bestaunen!

Na, kommt ihr noch mit? Nach so viel Programm gönnten wir auch wir uns doch tatsächlich eine kleine Verschnaufpause und bräunten uns auf einem weiten Sandstrand auf der Insel Öland, die wir mit der Fähre von Oskarshamn aus erreichten. Auch die Fahrt über die kleine Insel mit ihrer schönen Landschaft, bestehend aus naturgeschützten Heidegebieten, Wäldern, sanften Hügeln und zahlreichen Windmühlen, war sehr entspannend.

Über die Brücke ging‘s dann zurück aufs Festland nach Kalmar, einer sehr touristischen, aber wirklich schönen Stadt am Meer, wo wir bei italienischen Freiwilligen übernachteten. Unsere nächste Station Jönköping beeindruckte uns dagegen eher weniger, obwohl dort anscheinend das erste Streichholz hergestellt worden sein soll und auch das Städtchen Lidköping blieb uns eigentlich vor allem wegen der tollen Gastfreundschaft des dortigen Freiwilligen in guter Erinnerung.

Am letzten Tag unserer Reise besuchten wir morgens das Läcköslott (slott bedeutet Schloss), das auf der gegenüberliegenden Landzunge von der liegt, auf der sich Anettes Haus befindet. Und nachmittags fuhren wir schließlich nach Trollhättan, einer Stadt nur 60km von Mellerud entfernt, die wir aber das ganze Jahr noch nicht besucht hatten. Die Industriestadt hatte dann auch nicht viel mehr als einen mehr oder weniger spektakulären Wasserfall und eine Seilbahn zu bieten. Aber wir waren da!

Zurück ging‘s zum Start und gleichzeitig Ziel unserer Reise: mein kleines Mellerud. Dort fing dann das ganz große Packen, sauber machen und Abschied nehmen für mich an. Auto ausräumen und Sachen wieder auseinandersortieren, Mareike am Bahnhof verabschieden, eigene Sachen im Zimmer in Koffer, Rucksack, Reisetasche und Umhängetasche stopfen, Zimmer komplett räumen und säubern, abends noch einmal Anettes Haus und die tolle Stimmung am See genießen, von Bärbel und Mann Abschied nehmen, sowie am nächsten Tag von Anette und Ingmar.

Weil ich aber immer noch nicht ganz Abschied nehmen wollte, verbrachte ich das allerletzte Wochenende mit Kristin aus Åmål noch in Malmö und Kopenhagen. Malmö war nett, aber relativ überschaubar. Das Konzert meiner schwedischen Lieblingsbands „Friska Viljor“ abends war aber einfach der Hammer und machte mir die Stadt noch etwas sympathischer. Kopenhagen erwartete uns bei strömendem Regen und Unwetter, erleichterte mir dafür aber den Abschied von Skandinavien. Ich stieg mit meinem ganzen Gepäck in den Nachtzug ein, wo ich in einem gemütlichen Bett schlief und so am nächsten Morgen plötzlich im heimatlichen Deutschland aufwachte.


Nun bin ich schon seit über zwei Monaten wieder hier, habe einen tollen Urlaub in Rumänien, vier Wochen Arbeiten und ein Praktikum in der neuropsychologischen Abteilung einer Rehaklinik hinter mir sowie eine aufregende und spannende Uni- und Wohnungssuche. Beides hab ich jetzt aber erfolgreich gefunden und werde ab Mitte Oktober in Würzburg Psychologie studieren und in einem schönen Zimmer mit Balkon wohnen.

Das Jahr in Schweden war ein einzigartiges Erlebnis, während dem ich sehr viel über die verschiedenen Arten von Menschen, Kulturen und Lebenseinstellungen und vor allem auch eine Menge über mich selbst gelernt habe. Ich bin sehr froh, dass ich mir diese Auszeit genommen habe und werde aus den gesammelten Erfahrungen viel für meinen weiteren Lebensweg mitnehmen.

Herzlichen Dank an alle, die mich durch die schweren Zeiten begleitet haben, mir Mut zugesprochen haben, mich mit Briefen/E-Mails oder Päckchen beglückt haben und sich mit mir über die schönen Erlebnisse gefreut haben!

Alles Liebe und Gute für euch! Sköt om er! (Passt auf euch auf!)

Kära hälsningar och vi ses!

Jacqueline