Donnerstag, 24. Februar 2011

08.05 Jacqueline wagt den ersten Blick aus dem Fenster. Es sieht eigentlich aus wie immer. Schnee so weit das Auge reicht.

08.06 Der Blick aufs Thermometer lässt sie stutzen. Irgendwas ist anders als sonst.

08.07 Nach genauerer Begutachtung fällt ihr auf: die Thermometerangabe befindet sich nicht wie sonst zwischen 0° und -10° Grad. Diesmal liegt sie bei -16°.

08.08 Die Hoffnung auf Frühling wird mal wieder zerstört.


08.40 Auf dem Weg zur Arbeit zwitschern mehrere Vögel. Die Sonne scheint.


08.41 Jacqueline ist zum wiederholten Male von den Launen des schwedischen Wetters verwirrt.

Es scheint mir, als wären Jahrzehnte vergangen seit meinem letzten Blogeintrag. Auch „damals“ lag Schnee, auch damals war es lausigkalt.

Jedoch gibt es eindeutig einige große Unterschiede zum letzten Mal, denn viel ist zwischendurch passiert und es ist nun wirklich mal wieder an der Zeit, ein bisschen von meinem Leben hier zu berichten.

Wie die meisten von euch bestätigen können, verbrachte ich ein paar wirklich schöne Tage über Weihnachten und Silvester im trauten Deutschland.

Die Reise Richtung Heimat begann jedoch schon mit dem Besuch bei meiner Schwester Hanna in Paris ab, wo ich zum ersten Mal in den Genuss der „Weltstadt“ mit vielen ihrer Sehenswürdigkeiten kam. Leider war mir das Wetter nicht gerade vergönnt: Schneeregen, nasse Kälte und trübes Licht zeigten Paris nicht gerade in seinem schönsten Licht, wobei es trotzdem noch einen gewissen Charme ausstrahlte. Und ein eindeutiger Vorteil war, dass ich in Ruhe durch die Stadt und deren Straßen wandern konnte, ohne dass sie durch Millionen von Sommertouristen verstopft war und ich auch oft nicht sehr lange anstehen musste.

In Deutschland angekommen, versuchte ich mich dann an der scheinbar unmöglichen Aufgabe, alle mir lieben Menschen zu treffen und Zeit mit ihnen zu verbringen. Kein Wunder also, dass die Tage wie im Flug vergangen und ich auf einmal wieder in Schweden war. Trotzdem genoss ich die Tage zuhause sehr: im eigenen Bett schlafen, durch die vertrauten Straßen Ulms laufen, ein Besuch im Ulmer Münster, viele gute Gespräche mit guten Freunden und natürlich gemeinsame Zeit mit meiner Familie an Weihnachten.

Mein „Akku“ wurde wieder aufgeladen und ich erhielt neue Energie für den zweiten Teil meines Freiwilligendienstes.

Der begann mit einer herzlichen Einladung meiner Mentorin Anette, die mich für drei Tage bei sich zuhause einquartierte, damit mir das Wiederankommen in Schweden leichter fiel.

Auch hieß es von jetzt an: nur noch Schwedisch! (und Englisch nur in ganz dringenden Notfällen.) Das war nämlich mein erster Vorsatz fürs neue Jahr. Bis auf wenige kleine Ausnahmen hab ich das bisher auch durchgezogen, obwohl es anfangs wirklich ungewohnt war. Denn ich verstand meistens alles und konnte auch zumindest Zustimmung bekunden, aber ich hatte Schwierigkeiten, mich gezielt und verständlich auszudrücken v.a. wenn es um Gefühle, Gedanken oder Diskussionen ging. Aber Übung macht den Meister…

Ich bin aber dankbar, dass ich alles im Allen nur wenige Probleme mit dem Schwedischen habe, was vor allem an der Ähnlichkeit zum Deutschen liegt.

Dadurch haben sich mir auch in meinem Projekt neue Türen aufgetan.

Denn wie auf ein Kommando hin hat sich dort plötzlich eine Menge getan. Meine Chefin Carina scheint wohl eingesehen zu haben, dass es so nicht weitergehen kann und sich im Bürgerbüro (dem eigentlichen Schauplatz meines Projekts) einfach nicht genug Arbeit findet. Daher bin ich sehr froh, berichten zu können, dass ich jetzt jeweils einen Tag in der Woche neue Arbeitsplätze habe.

Der erste ist ein Altersheim hier in Mellerud, in dem ich mit in der Hobby-Gruppe arbeite. Die Arbeit ist sehr entspannt und besteht hauptsächlich aus Kaffe trinken, über alte Zeiten reden, Handarbeiten, Kreuzworträtsel lösen und Fragen zu früheren Ereignissen stellen. Letzteres und „Gymnastik“ findet meistens in einer Abteilung statt, in der Demenzkranke wohnen. Man merkt es den meisten nicht direkt an, dass sie krank sind, sie scheinen wie ganz normale alte Menschen. Erst bei genauerem Hinschauen bemerkt man Auffälligkeiten. Als ich am ersten Tag dort mit vier netten älteren Menschen gemütlich zusammensaß und einfache Fragen stellte, meinte die süße alte Dame neben bei jeder Frage „Ich weiß es, zumindest kenn ich die Sache, die gesucht ist. Ich komm nur einfach nicht drauf, wie es heißt.“

Und bei der Gymnastik zeigte sich, dass auch alte Leute noch kindisch sein können. Sie machten sich über die eigentlich einfachen Übungen lustig, obwohl sie augenscheinlich Schwierigkeiten hatten, sie auszuführen und lachten die meiste Zeit.

Doch nicht nur die Demenzkranken, die ja oft die meiste Zeit in der Vergangenheit leben, auch die anderen alten Menschen überraschten mich beim „Boulespielen“ (mit weichen Stoffbällen drinnen) mit Freude am Leben und gegenseitigen Neckereien.

Natürlich sind nicht alle alten Menschen noch so fit und viele sind nicht mehr wirklich mental dabei. Es gibt wenig Abwechslung im Alltag des Altersheims und auch die Angestellten scheinen mir oft in der täglichen Routine zu vergessen, dass es eben auch diese schönen Momente gibt. Ich bin aber auf jeden Fall froh, dass ich in der Hobbytätigkeit mitarbeiten darf und auch da ich nur einmal in der Woche dort bin, besteht für mich glücklicherweise nicht so die Gefahr der Routine.

Kontrastprogramm und gleichzeitig Ähnlichkeiten finden sich im Kindergarten, in dem ich mit Kindern zwischen 2 und 5 Jahren in der „Peter Pan“- Gruppe arbeite. Vieles läuft dort glücklicherweise über nonverbale Kommunikation: Spiele, tanzen, basteln, lachen. Auch wenn ich die oft etwas vor sich hinmurmelnden Kinder nicht wirklich verstehe, wird es immer besser. In brenzligen Situationen stellt die Sprachbarriere aber eindeutig ein Hindernis dar. Ein Kind weint und du willst nachschauen. Du wirst von zehn Kindern empfangen, die dir alle erklären wollen, was vorgefallen ist. „Der hat den geschubst!“ Was jetzt stimmt und was nicht, ist leider nur schwer festzustellen. Und auch einem Kind klarmachen, dass es nicht in Ordnung ist, was es tut bzw. ein Kind ohne Worte trösten braucht gewisse Übung oder jedenfalls einen ausgereifteren Wortschatz. Meistens beschränke ich mich aber sowieso auf die angenehmeren Sachen und knete, puzzle, baue Lego, male Bilder… und manchmal machen die Kinder sogar mit :) Die allgemeine schwedische Arbeitseinstellung, die meist keinerlei Anweisungen sondern nur Selbstständigkeit vorsieht, ist auch hier anzufinden. Daher mach ich mal wieder, was ich denke. Die offene und vertrauensvolle Art der Kinder erleichterte mir aber eindeutig die Eingewöhnung und kleine Sachen wie das an der Hand genommen werden mit den Worten „Kom och leka med mig!“ (Komm und spiel mit mir!) oder die kurze, aber herzliche Umarmung zu meiner Verabschiedung eines kleinen Mädchens, das immer meine (zugegeben nicht sehr kreativen) selbstgemalten Bilder haben möchte.

Auf jeden Fall machen mir beide Tätigkeiten mit ihren jeweiligen Besonderheiten wirklich sehr Spaß und ich hab endlich das Gefühl, etwas Sinnvolleres zu tun als bisher.

Mir geht’s seit ich wieder hier bin auch fühlbar besser. Ich kann die Zeit endlich wirklich genießen und hab gelernt, mich mit den meisten Schwierigkeiten wie dem Alleinsein und der Dunkelheit zu arrangieren.

Eng damit verbunden ist aber auf jeden Fall auch, dass ich gerade sehr viel in der Weltgeschichte unterwegs bin.

Der Januar beinhaltete mehrere Wochenenden in Åmål sowie einen wunderschönen Abend mit allen Freiwilligen bei meiner Mentorin. Leckeres Essen, gemeinsame Zeit und Gespräche und als Krönung natürlich das schon obligatorische Bad im draußen gelegenen Whirlpool.

So war ich dann also für den Februar, meinen absoluten Reisemonat, gut gewappnet!

Begonnen hat er mit meinem Mid-term Training in Stockholm, bei dem ich einige neue nette Freiwillige kennen gelernt habe und schöne Tage verbrachte. Es war vor allem auch interessant zu hören, was alle bisher für Erfahrungen gemacht haben und wie die jeweiligen Projekte laufen. Beruhigend zu erfahren war auch, dass so gut wie alle große Probleme haben, junge schwedische Leute kennen zu lernen. Eigentlich nur einer der Freiwilligen, der in einem 500-Einwohner-Dorf gelandet ist, ist total integriert in das Gemeindeleben und kennt so gut wie alle.

Der Reisemarathon ging dann mit einem sehr kurzen Heimatbesuch weiter, da meine Mama einen runden Geburtstag zu feiern hatte, wo ich natürlich nicht fehlen durfte. Es war echt eine schöne Feier und der sehr lange Weg hat sich auf jeden Fall gelohnt. Zwischen einem großen Teil meiner Familie und alten Freunden meiner Eltern, die ich auch teilweise schon Jahre nicht mehr gesehen habe, sehr leckerem Essen und Musikbeiträgen ließ es sich gut aushalten.

Das darauffolgende Wochenende setzte den Reigen fort. Denn da ging es mit den Freiwilligen aus Åmål - Mareike, Anna und Oliver – zur litauischen Hauptstadt Vilnius. Natürlich war es nur ein sehr kurzer Aufenthalt, doch ich genoss die Zeit zusammen sehr. Auch während Schneesturm und eisigen Temperaturen gefiel mir die Stadt wirklich gut. Gerade die großen Unterschiede zwischen sehr neuen, modernen Gebäuden und alten, scheinbar vergessenen Häusern aus den Zeiten des Kommunismus hatten einen großen Reiz. Auch konnte man wirklich sehen, dass man nicht mehr in Schweden oder Deutschland ist. Unterschiede fanden sich nämlich auch bezüglich der Menschen: Kleidung, Aussehen und Verhalten, mal abgesehen davon, dass sie eine Sprache sprechen, die ich noch nicht mal ansatzweise verstehe. Jedoch hatte ich einige sehr positive Begegnungen, die v.a. von der Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit der Menschen zeugen. Fragt man nach dem Weg, bekommt man nämlich nicht nur eine ungenaue, genervte Wegbeschreibung. Nein, die Hilfe wird einem von selber angeboten und dabei bleibt es nicht, denn man wird sogar noch mit bis zum Ziel begleitet, damit man es auch ja nicht verfehlt!

Auch ins bunte kulturelle Leben konnte ich einen kurzen Blick werfen, als ich mit Anna (die Freiwillige aus Polen) am Samstagabend in einer Bar plötzlich auf Livemusik stieß. Ich liebe ja sowieso Liveauftritte und die (wie sich später herausstellte) polnische Band war echt beeindruckend.

Auch jetzt sitze ich eigentlich schon wieder in den Startlöchern zu meiner nächsten Reise. Diesmal geht es wieder nach Deutschland, jedoch nicht in den vertrauten Süden, sondern nach Berlin! Ich begleite die Deutschklasse, bei der ich mithelfe, zu ihrer 4-tägigen Studienreise. Ich freue mich schon sehr darauf, da ich die Stadt mag - und wie der Zufall es so will ist meine Mama genau zur gleichen Zeit dort, so dass es noch einmal ein Familientreffen im ganz kleinen Rahmen geben wird.

Nun habe ich also schon mehr als die Hälfte meiner Zeit hier in Schweden verbracht und vieles ist passiert, ich habe gute und schlechte Erinnerungen und Erfahrungen gesammelt und mittlerweile kann ich sagen, dass es trotz anfänglicher großer Zweifel eine gute Entscheidung war, herzukommen. Daher freu ich mich auch sehr auf die Zeit, die noch vor mir liegt und bin gespannt, was ich in meinem allerletzten Blogeintrag schreiben werde…

Bis dahin ist aber natürlich noch eine Menge Zeit und ich werde euch auf dem Laufenden halten, so gut ich kann!

Alles Gute und einen hoffentlich baldigen Frühlingsanfang!

Jacqueline

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