Etwas zwanzig freundliche Gesichter, wie sie unterschiedlichster nicht sein könnten, werfen einen kurzen Blick auf mich, bevor ich mich auf meinen Stuhl setze.
Die Lehrerin begrüßt mich trotz Verspätung mit einem freundlichen „Hej!“ und startet dann mit dem Unterricht. „Vad är det för dag i dag? (Was ist heute für ein Tag?) Måndag? Vad bra! (Sehr gut!) Och vad är det för väder? (Und wie ist das Wetter?) Det blåser och det regnar! Och det är mycket kallt! (Es windet und regnet! Und es ist sehr kalt!) Hösten är här! (Der Herbst ist da!)”
Ja, der Herbst ist da, das könnte man so sagen. Bisher hat er uns vornehmlich einige wunderschöne sonnige Herbsttage geschenkt, an denen sich die Kälte nicht ganz so bemerkbar machte. Doch seit heute hat die Sonne sich verabschiedet und den Wind und den Regen vorbeigeschickt… „Wenn wir keinen kalten Winter haben, dann bleibt es so bis April! Und wenn es im Winter sehr kalt wird, dann machen dir die -25° und der Schnee auch nicht soviel aus!“ Diese freudige Nachricht offenbarte mir heute Charlotta, eine Arbeitskollegin, mit strahlendem Lächeln. „War das nicht das, was du hören wolltest?“ Natürlich nicht! Aber ich war froh über ihre Ehrlichkeit.
Mittlerweile hat es sogar schon geschneit. Und das war nicht nur Schneeregen! Richtige Flocken fielen vom Himmel während ich eines Abends nach Hause lief. Und am nächsten Tag war alles unter eine ganz dünnen Schicht Weiß bedeckt.
Letzten Montag hat sich noch etwas Unerwartetes ereignet, das mir den Winter noch schmackhafter macht. Da wohnt man in Schweden, einem Land, mitten in Europa, gut entwickelt und mit funktionierender Infrastruktur. Das dachte ich zumindest als ich nichtsahnend am Montagabend in der Küche stand. Doch auf einmal ging das Licht aus. Glühbirne kaputt? – Scheidet aus, denn alle Lampen in meinem Zimmer funktionierten nicht mehr. Ok, dann ist’s vielleicht die Sicherung im Haus. Ein Blick nach draußen schloss aber auch diesen Gedanken aus. Denn draußen war nichts! Nur Dunkelheit! Ich fühlte mich wie in Harry Potter, kurz bevor die Dementoren angreifen…
Glücklicherweise konnte ich mit Lumos ein paar Kerzen erhellen und meine Karte des Rumtreibers alias Laptop erleuchtete ebenfalls mein Zimmer.
Wer es jetzt immer noch nicht versteht: in ganz Mellerud kam es zu einem Stromausfall. Weder Häuser noch Straßenlaternen waren beleuchtet, nur ein paar Mal blitzten einige Autoscheinwerfer auf.
Ich stellte fest, dass ich diesen Zustand gar nicht wirklich realisieren konnte, da es mir, als von der westlichen Welt verwöhnt, unmöglich erschien, dass so etwas passieren konnte. Doch anscheinend ist das hier keine Seltenheit. Noch am selben Abend passierte das Gleiche noch zweimal. Und letzten Winter waren einige Einwohner Melleruds wegen der schweren Schneemassen sogar eine ganze Woche ohne Stromversorgung.
Ich kann es im Moment noch mit Humor sehen, doch wenn dann der Winter wirklich da ist… Meine romantische Seite träumt zwar von Abenden im Kerzenschein, Bücher verschlingend, ohne vom allzubösen Internet abgelenkt zu werden. Und das Essen aus dem Kühlschrank stell ich einfach raus, da ist es ja kalt genug! Doch ohne Ofen wäre das Ganze dann wohl doch nicht so ganz romantisch, auch wenn ich jetzt endlich eine warme Bettdecke habe…
Ein wichtiges Ereignis in den letzten Wochen war eine Messe, die erstaunlicherweise im kleinen Städtchen Mellerud statt fand. Dementsprechend schien sie auch DAS Event hier zu sein. Groß und Klein, Alt und Jung, alle schienen am Samstag und Sonntag hierher zuströmen - und alle schienen sich auch irgendwie zu kennen. Der Parkplatz vor meinem Haus war jedenfalls noch nie so gefüllt.
Diese These wird noch davon bestätigt, dass die Messe an sich eigentlich ziemlich überschaubar war und man die wenigen Stände und Aussteller der regionalen Unternehmen in einer guten Stunde begutachten und alle kostenlosen Kulis einsammeln konnte.
Doch sammelte ich keine Kulis ein, sonder half ganz aktiv meiner Entsendeorganisation „Europe Direkt“ dabei, Taschen zu verteilen, bei Fragen zu Europa und dem EVS weiterzuhelfen und natürlich freundlich zu lächeln. Während ich da also mit eingefrorenem Lächeln stand, fiel mir auf, dass auch ich ziemlich viele der Besucher kannte. Einige hatte ich erst einen Abend vorher bei der inoffiziellen Messeeröffnung (natürlich nur für geladene und besondere Gäste wie uns Freiwillige) durch meine Tutorin Anette kennen gelernt. Und viele kannte ich einfach nur so vom Sehen, da man sich in so einem kleinen Städtchen wie Mellerud doch öfter mal über den Weg läuft.
Höhepunkt der Messe war aber auf jeden Fall der Auftritt meiner Tutorin Anette als Model bei der Modenschau. Die zwei Bekleidungsgeschäfte und das einzige Sportgeschäft in Mellerud hatten sich unschuldige Bürger geschnappt und diese dann zu für wenige Minuten bewunderte und beklatschte Models umfunktioniert.
Am Abend vorher besuchte ich zum ersten Mal die einzige Disko in Mellerud. Und gegen alle Erwartungen und Befürchtungen wurde ich recht positiv überrascht! Es waren viele junge Leute dort, die bei tanzbarer Musik ihren Spaß hatten. Wo die ganzen jungen Leute aber auf einmal herkamen, hab ich mich schon gefragt. Ob das nur ein Ausnahmefall war, konnte mir meine Begleiterin Gerry jedoch auch nicht sagen, da sie noch nie zuvor die Disko besucht hatte.
Gerry hab ich durch meine Arbeit an der Schule kennen gelernt. Wie ihr wisst, helfe ich ja ein bis zwei Stunden die Woche beim Deutschunterricht hier an der Schule aus. Und eine der Lehrerinnen (Ute) denen ich helfe, kommt selbst aus Deutschland und lebt mit ihrer Familie nun seit neun Jahren hier in Schweden. Als sie bei unserem ersten Treffen hörte, dass es für mich schwer ist, hier junge Leute kennen zu lernen, stellte sie mich gleich ihrer sehr offenen und sympathischen 18-jährigen Tochter Gerry vor.
Mit ihr war ich auch letzte Woche in einem kleinen Restaurant im Zentrum Melleruds. Wir können uns gut unterhalten und haben viele Sachen gemeinsam, daher verstehen wir uns trotz der kurzen Zeit, die wir uns kennen, schon ganz gut.
Aber was mache ich denn da im Deutsch-Unterricht? Aufmerksame Verfolger meines Blogs haben bereits den Text „Meine Wohnung“ bzw. „Min lägenhet“ entdeckt. Den Text habe ich für den Unterricht mit Ute vorbereitet. Die Schüler sind zwischen 15 und 16 Jahre alt und haben seit ca. zwei Jahren Deutsch. Daher trauen sie sich auch noch nicht recht, zu sprechen. Einige Fragen haben sie mir aber mutig schon gestellt und auch ganz fleißig den von mir geschriebenen Text übersetzt. Da Ute aber selbst wie ich deutsche Muttersprachlerin ist, werde ich ihren Unterricht nur ca. alle drei Wochen besuchen.
Die zweite Klasse besuche ich jedoch zum Glück jede Woche. Die Schüler sind im letzten Schuljahr, also zwischen 18 und 20 Jahre alt und können dementsprechend auch recht gut Deutsch. Es macht mir wirklich sehr Spaß dort mitzuarbeiten, da es auch nur sieben Schüler sind und die Lehrerin sehr nett ist. Im Moment schauen sie im Unterricht „Das Wunder von Bern“ an, natürlich auf Deutsch. Und ich habe jetzt schon zweimal ein Arbeitsblatt zum geschichtlichen Hintergrund des Films und zur neueren Geschichte vorbereitet. Natürlich halfen mir dabei meine Geschichtskenntnisse aus der Oberstufe, jedoch habe ich schon erschreckend viel davon vergessen! Das Tolle an dieser Arbeit ist aber, dass ich wirklich einen Sinn dahinter sehe. Die Schüler erfahren etwas über die Deutsche Geschichte und können so beispielsweise den Film besser einordnen. Und ich bekomme auch direkt mit, dass es sie interessiert und sie nachfragen, wenn sie etwas nicht verstehen.
Bei meiner regulären Arbeit hat sich leider nicht sehr viel getan, so dass ich immer noch dabei bin, Präsentationen vorzubereiten. Ich bin ziemlich unzufrieden mit der Situation, kann aber im Moment nichts verändern. Nächste Woche steht erstmal eine Präsentation für einige Politiker hier an. Was aber danach kommt, steht noch in den Sternen.
Ich bin sehr froh, dass ich bis Weihnachten noch in den Schwedischunterricht gehen darf. Wir haben dort wirklich eine Menge Spaß und ich lerne sehr interessante Sachen wie z.B. dass „Magaah?“ „Wie heißt du?“ auf Somali heißt. Vor allem aber lern ich natürlich Schwedisch, welches auch immer besser wird. Es dauert aber wirklich seine Zeit, eine Sprache komplett neu zu lernen, da ich ja bei Null angefangen habe.
Meine Freizeit verbringe ich mittlerweile auch mit verschiedenen Aktivitäten. Ich habe mich todesmutig schon zweimal zum Spinning getraut, das mir ziemlichen Muskelkater, aber ein gutes Gefühl beschert hat. Wie sportlich man sich danach fühlt! Obwohl man während des Spinnings dachte, man bricht zusammen…
Im Schnitt jedes zweite Wochenende fahre ich nach Åmål, um die anderen Freiwilligen dort zu besuchen. Es sind sehr entspannte Wochenenden, wir kochen, sitzen in der Küche und reden und gehen abends zum Tanzen. Ich genieße die Gemeinschaft immer sehr! Und ich darf mittlerweile auch ein Auto der Kommune ausleihen und damit nach Åmål fahren. Auf den meist freien Straßen, mit einer Schweden-Mix-CD im Autoradio und einem Gefühl von Freiheit, an der schönen Landschaft rechts und links vorbeizubrettern macht mir wirklich Spaß.
Mehr von dieser traumhaften Natur Schwedens hab ich an einem Wochenende durch einen Besuch in einem Naturreservat kennen gelernt. In meinem Chor singt eine ältere deutsche Frau, die mit ihrem Mann in der Nähe von Mellerud ein Sommerhaus hat. Bärbel hat mich nun schon zweimal dorthin eingeladen, so dass ich mehrere schöne Stunden mit den beiden sehr netten Leuten aus Husum verbringen durfte. Ich wurde immer sehr lecker bekocht, so dass ich sogar Pilze aß (die ich sonst verabscheue…). Anfangs eher aus Höflichkeit zugestimmt, „mal zu probieren“, begeisterten mich die mit Speck angebratenen Pfifferlinge schließlich wirklich! Wir führten auch einige interessante Gespräche über die Unterschiede zwischen Schweden und Deutschland, Studium, Generationen und vieles mehr.
Mit Bärbel machte ich dann eben auch einen Abstecher zum Naturreservat Tösse. Ein Traum! Die Herbstsonne ließ die bunten Blätter der Bäume richtig leuchten und das Wasser des Vänern glitzerte während wir auf den Schären standen und die Aussicht genossen. So stellt man sich Schweden vor…
Ein letztes wichtiges Ereignis war ein sehr erfolgreiches Konzert meines Orchesters zusammen mit einer Band namens „West of Eden“, die irische Volkslieder auf moderne Weise spielen. Nach den wirklich wenigen Proben fühlte ich mich ziemlich unvorbereitet und erwartete ein eher mittelmäßiges Konzert. Jedoch nahmen die Musiker der Band das Orchester mit ihrer Musikalität und Freude am Musik machen an der Hand und verhalfen uns zu einem wirklich tollen Konzert, das richtig Spaß gemacht hat. Auch wenn ich nicht alles perfekt spielen konnte, war das gemeinsame Musizieren ein sehr schönes Erlebnis.
Während ich nun endlich den Blog-Eintrag beende, regnet es draußen mal wieder aus den immergrauen Wolken. Und das Städtchen Mellerud sieht noch trister aus als gewöhnlich.
Doch heute habe ich wirklich etwas an Mellerud schätzen gelernt. Das Einkaufen! Auslöser dieser Erkenntnis war mein eigentlich kurz geplanter Einkauf von Milch, Brot und Salat, der normalerweise fünf Minuten gedauert hätte. Und wenn man beachtet, niemals Einkaufen zu gehen, wenn Kundenkarten-Abend ist und alle Schweden wie die verrückten Einkaufen, nur um ein paar Öre Rabatt zu bekommen…ja dann macht das Einkaufen hier in Mellerud auch Spaß!
So, ihr Lieben! Für heute ist Schluss!
Ich denk sehr oft an euch und freu mich schon, die meisten von euch in knapp zwei Monaten wieder zu sehen!
Alles Gute für die nächste Zeit und noch ein paar schöne Herbsttage!
Eure Jacqueline
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