Mittwoch, 28. Juli 2010

Sonntag: Ich blicke, ausgestattet mit einem sehr dickem Pulli, aus dem Fenster und denke mir nur: „Das ist nicht möglich… Seit drei Tagen bibber ich bei 13° und nun kommt auch noch grauer, kalter Dauerregen dazu.“ Ich fühl mich wie im November, nur dass es eigentlich Juli ist.

Dienstag: Ich suche nach Wolken am Himmel, kann aber nur die sehr warm scheinende Sonne entdecken, die uns 23° beschert. Ich fühl mich wie im Sommer und… zunehmend vom Wetter verarscht!


Zwar rede ich mal wieder über selbiges, jedoch will ich damit nicht den Eindruck erwecken, dass ich nichts zu erzählen hätte!

Daher muss ich wohl mal kulturelle Unterschiede erklären: in Schweden ist das Wetter nämlich Gesprächsthema Nummer Eins! Und nach Meinung der Schweden auf keinen Fall eine Form des belanglosen Small-Talks! Und da Schweden ja jetzt meine vorübergehende Heimat ist, muss ich mich auch ein kleines bisschen anpassen.

Trotz aller Rücksichtsnahme wende ich mich nun doch etwas Belangvollerem zu, meiner ersten Arbeitswoche!

Durch sehr schonende Arbeitszeiten genoss ich in dieser noch ein kleines Gefühl von Ferien, schließlich musste ich immer erst um 12.00 Uhr anfangen und kam so in den Genuss von Ausschlafen und spätem Frühstücken.

Auch das Arbeiten selbst führte nicht gerade zu einer Überlastung… Denn der Grad der Beschäftigung ist exponentiell abhängig von der Anzahl der Touristen. Und die ist an manchen Tagen wirklich nicht sehr groß.

Wenn dann aber mal Besucher kommen, sind es sehr oft deutsche Urlauber. Und da ich oft an ihrem Englisch oder vorangegangenen Gesprächen ihre Herkunft erkenne, erlöse ich die meisten von der Qual, Englisch zu sprechen, mit den Worten: „Ich kann auch Deutsch“. Das ist leider oftmals das einzige was ich kann, um ihnen zu helfen, jedoch kenn ich mich zunehmend besser aus.


Dies ist wohl auch einem sehr informativen Sightseeing-Trip zu verdanken, den ich zusammen mit meiner Chefin Carina anging. Wir klapperten die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Region mit dem Auto ab. Zwar konnte ich manche nur im Vorbeifahren bewundern, jedoch dafür einige andere hautnah erleben.


Einige Stationen unseres Trips:

Der Hafen „Sunnanå hamm“, nicht weit von Mellerud entfernt und am Vänernsee liegend.

Ein traumhaft schönes Naturreservat, dessen Anfang mich schon durch uralte Felszeichnungen und unberührter Natur bezauberte.

Das Städtchen Haverud mit sehr bekanntem Aquädukt, an dem sich Eisenbahn, Schiff und Auto auf verschiedenen Ebenen treffen und das gleichzeitig eine Schleuse für den sehr beliebten Dalslandkanal bildet.

Ein dreistöckiges Handwerksmuseum mit sehr schönen handgefertigten Stücken aus der Region.

Ein altes, kleines Schloss in schön angelegtem Garten.

Und…. den ersten Elch, den ich je gesehen habe!


Eine weitere wunderschöne Sehenswürdigkeit trägt keinen Namen: denn als sehr sehenswert bezeichne ich die dunkelgrünen Nadelwälder, die weiten Felder und Wiesen, die Birken, die immer wieder hervorblitzenden kleinen glasklaren Seen und die einsam verstreuten Holzhäuser in allen Farben von Grün, Gelb, Blau und Weiß bis hin zum typischen Rot, durch die auf kleinen bergigen Straßen unsere Fahrt ging.

Und ich begriff ein kleines bisschen, dass ich jetzt tatsächlich hier in Schweden bin.


Etwas Herzklopfen bereitete mir die Nachricht am Morgen vor diesem Trip: „Du kriegst jetzt ’nen Autoschlüssel, gehst runter in die Garage, nimmst das Auto mit der Nummer 34 und holst dann Carina vom Bahnhof ab.“

Mein Inneres schrie: „Oh mein Gott, nein, das kann ich nicht, ich weiß noch nicht mal, wie ich zum Bahnhof komme, außerdem ist das ein Schalt-Auto…“

Da ich aber nicht gefragt wurde, was mein Inneres so schreit, blieb mir keine andere Wahl...

Gegen alle meine Erwartungen lief alles gut und das Fahren machte mir so Spaß, dass ich gleich am nächsten Tag noch mal eine kleine Fahrt für das Büro zum Hafen machte und am Freitag zusammen mit Sonia nach Åmål kurvte.


Vor der wöchentlichen „fika“ (hab jetzt übrigens herausgefunden, dass es einfach nur „Kaffee trinken“ heißt) holten wir eine Freundin von Sonia am Bahnhof ab, die übers Wochenende zu Besuch kam. Marit wohnt in Oslo und ist Norwegerin, kann sich also problemlos auch mit Schweden unterhalten.

Am Bahnhof trafen wir auch die andere deutsche Freiwillige Leonie, die mir den ganzen Weg über und während der fika bereitwillig aus ihrem Erfahrungsschatz erzählte. Aber nein, ihr habt euch getäuscht! Das Gespräch fand nicht in Deutsch sondern die meiste Zeit in Englisch statt! Denn für Leonie war es so ungewohnt nach langer Zeit wieder länger Deutsch zu sprechen, dass sie mich nach einigen lustigen denglischen Wörtern letztendlich bat, ob wir nicht auf Englisch weiterreden könnten! So geht’s mir dann in einem Jahr vielleicht auch…


Nach der fika machten Sonia, Marit und ich einen kleinen Stadtrundgang und besuchten dann die anderen Freiwilligen in ihrer WG in Åmål. Einen Tee schlürfend unterhielten wir uns alle über Leonies Erfahrungen, dem EFD im Allgemeinen und über andere interessante Themen, die oft von der interessierten Marit initiiert wurden.


Mit dem Tee aufgewärmt, fühlten wir uns dann für eine dreistündige Bootsfahrt auf dem Vänernsee inklusive Shrimps-Essen gewappnet. Es war sehr schön, den See vom Wasser aus kennen zu lernen, da man so die vielen Prachthäuser und beneidenswerte Privatstege sehen konnte. Jedoch trugen 13° und abendliche Kälte auf dem Wasser dazu bei, dass ich sehr froh war, nach gut überstandener Rückfahrt in mein warmes Bett zu kriechen.


Schließlich musste ich am nächsten Tag auch Arbeiten, jedoch nur angenehme und ruhige vier Stunden.

Den Rest des Samstags verbrachte ich mit Wäsche waschen: ich wanderte also zum ersten Mal mit meinem Wäschekorb voller Klamotten zwei Häuser weiter, da sich dort im Keller der Waschraum befindet. Das Waschen verlief ohne größere Zwischenfälle, jedoch nahm es den ganzen Nachmittag in Anspruch.


Der Abend bereitete mir dann aber noch etwas Abwechslung von Hausarbeit, da ich erstmals an einer schwedischen Home-Party teilnahm. Da sich das wegen seiner Einzigartigkeit schwer in Sätze bringen lässt, hier einige Fakten, die für sich sprechen sollten:

Ort: 20-minütig entferntes, sehr altes Haus mitten im Wald

Teilnehmer: anfangs: fünf schwedische Jungs, alle Ende 20, ein Vater und Sonia, Marit und ich; gegen später: vier weitere schwedische Menschen aus Mellerud und Umgebung

Gesprächsthemen: einige hier nicht aufführbare Themen (aufgrund von Nichtverständnis, einerseits wegen schwedischer Sprache, andererseits wegen inhaltlosem Gelaber), Besonderheiten einzelner Länder und der verschiedenen Sprachen, Geistergeschichten

Aktionen: Grillen auf Terrasse, Fahrt mit einem vierrädrigen Vehikel, nächtliches Bad einiger im nahen, kleinen See, Besichtigung des Hauses, gemütliches Beisammensitzen

Erkenntnis: trotz der hier sehr teuren Alkoholika, wissen die Schweden wie man ausgiebig feiert

Das sollte ausreichen…


Wie geht es mir?

So langsam spielt sich hier alles ein, es zeichnet sich auch schon ein gewisser Alltag ab.

Einerseits befürworte ich das, da ich so weiß, was mir der Tag bringt; andererseits ist es aber auch schade, da eine gewisse Regelmäßigkeit meistens auch Langweile beinhaltet. Aber es gibt natürlich immer noch Neues, das mich erwartet und das wird auch noch eine Weile so bleiben.

Mir fällt auf, dass die Zeit wirklich schnell vorbei geht. Die Tage rennen nur so dahin… Das liegt aber auch daran, dass ich abends immer erst um 18.00 Uhr nach Hause komme und dann mit Einkaufen, Kochen, Abspülen, E-Mails beantworten und endlich mal wieder in Ruhe Lesen ausreichend beschäftigt bin. Seit ein paar Tagen kommen nun auch Skype-Telefonate dazu, die toll und komisch zugleich sind. Da sitzt ein Mensch vor dir, dem du beim Reden direkt in die Augen schauen kannst, der jedoch hunderte Kilometer entfernt ist!


Nächste Woche werde ich jedoch vertraute Gesichter sehen, die dann wirklich in meiner Nähe sind, da meine Cousine Verena und ihr Freund in der Nähe von Mellerud Urlaub machen und mich für ein oder zwei Nächte in ihr kleines Ferienhäuschen eingeladen haben.


Am Wochenende davor steht auch noch etwas an, auf das ich mich schon sehr freue: hier findet nämlich ein Festival namens KAOS (sehr geeignete Namensgebung) statt. Eine Band kenn ich sogar und die anderen werde ich dann hoffentlich dank Freikarten für Sonia und mich noch kennen lernen!


Mittlerweile ist die Sonne auch hier untergegangen, aber vor einer halben Stunde (23.30) hab ich sie noch gesehen… Wann wird’s bei euch noch mal dunkel? :)

Auch wenn ihr im dunklen Deutschland wohnt schicke ich euch trotzdem liebste Grüße!


Ich bin sehr froh, dass es euch gibt!

Und dass ihr mich mit zahlreichen Mails und Telefonaten beschäftigt!


Ich drück euch ganz doll!

Jacqueline


Montag, 19. Juli 2010

Es ist Sonntagabend, kurz nach elf. Die Sonne ist vor ca. einer halben Stunde untergegangen, aber der Himmel ist noch hell und leicht rosa gefärbt.

Die langen Sommerabende sind wirklich toll, man hat gar keine Lust ins Bett zu gehen. Versuche gerade ganz viel Sonne zu tanken, denn im Winter werde ich nur sehr wenig davon haben (hab ich mir wohl von Frederick abgeschaut, falls jemand noch den Mäuserich aus Kindheitstagen kennt).

Die Sonne ist aber nicht sehr zuverlässig hier, da es an einem Tag regnet, am anderen jedoch wieder strahlender Sonnenschein herrscht. Oder so wie heute: Wolken, Sonne und kühler Wind abwechselnd. Versteh einer das schwedische Wetter…

Bevor ich anfange, von den letzten zwei Tagen zu berichten, kurz vorweg: ich wurde mehrmals gefragt, wer denn die zwei Mädels auf dem untersten Bild des letzten Blogs waren: die Linke ist Sonia, die andere Freiwillige, die hier mit mir arbeitet. Und die Rechte ist Kristina, sie arbeitet hier im Sommer als Ferienjobberin, studiert aber sonst Rechtsanwältin in Göteburg.

Der Freitag… Glücklicherweise konnte ich meinem immer vorhandenem Schlafbedürfnis nachgehen, da ich erst um halb eins zusammen mit Sonia nach Åmål fuhr. Ich musste vorher auch nicht im Büro arbeiten und hatte so einen sehr entspannten Tag vor mir.

Man braucht ungefähr eine halbe Stunde mit dem Zug zu der etwas größeren Stadt in Richtung Norden.

Werde dort von jetzt an jeden Freitagnachmittag verbringen, da sich im Büro meiner koordinierenden Organisation „Europe Direct“ alle Freiwilligen aus Åmål, Mellerud und der nahen Umgebung treffen. In der sogenannten „ficka“ (keine Ahnung, woher der Begriff kommt) können wir uns so austauschen und über Erlebtes, Neuigkeiten und Pläne fürs Wochenende reden. Wie ich finde, eine sehr gute Idee.

So machte ich die Bekanntschaft mit ungefähr acht anderen Freiwilligen aus Italien, Georgien, Litauen, der Ukraine und Deutschland. Die meisten von ihnen sind jetzt schon fast ein Jahr hier und kennen sich schon sehr gut. Im Laufe der nächsten zwei Monate werden außer zwei von ihnen alle in ihre Heimatländer zurückkehren, da dann die Projekte beendet sind. Einerseits ist es schade, dass ich sie so nicht mehr wirklich kennen lernen kann, aber andererseits werden im September neue Freiwillige kommen, die dann in einer ähnlichen Situation wie ich sein werden.

Ich werde die sehr sympathische Deutsche aus München wohl noch etwas ausquetschen, bevor sie zurückgeht. Vielleicht kann sie mir ein paar Tipps geben oder einfach ein bisschen von ihrem Projekt erzählen, mal sehen.

Vor und nach dem „Kaffeeklatsch“ zogen Sonia und ich durch alle Läden, die es in Åmål gibt. Da es aber auch nicht wirklich viele sind, gingen wir teilweise auch zweimal rein. Positiv bemerken muss ich aber, dass ich erfolgreich ein sehr günstiges, aber gut funktionierendes Mikrofon zum Skypen gefunden habe, das bisher aber leider noch nicht zum Einsatz kam.

Wir hatten einen sehr späten Bus zurück ausgesucht, so dass wir doch ziemlich lange im kleinen Städtchen Zeit verbrachten. Zwar konnte ich endlich den riesigen See Vänern bewundern, an dem Åmål sowie auch Mellerud liegen, jedoch wurde die Zeit doch etwas lang. Ich wurde so müde, dass ich während des Wartens an der Bushaltestelle im Sitzen einschlief…

So hatte ich aber für den Abend wieder etwas Energie getankt und wurde sowieso hellwach, als ich zu einem der schönsten Orte kam, die ich vorher gesehen habe:

Der Wohnort meiner Tutorin Anette.

Stellt euch ein helles, großes Holzhaus mit vielen Fenstern vor, das erstens mitten im Wald steht und zweitens von drei Seiten mit Wasser umgeben ist. Es steht nämlich direkt auf einer Landzunge mit Leuchtturm, die in den Vänernsee hineinreicht, so dass man im Wohnzimmer sitzend nur jeweils den Kopf um 180° drehen muss, um durch die am Ufer stehenden Bäume das wunderschöne Blau des Sees durchblitzen zu sehen.

Mir verschlug es wirklich für einen kurzen Moment den Atem, als wir nach 20-minütiger Fahrt auf einer einsamen Straße durch den Wald an diesem traumhaften Platz ankamen.

Anettes Mann Ingmar, deren Sohn Calle sowie seine Freundin Tina hatten Sonia und mich vom Bus abgeholt, um zusammen mit ihnen, Anette und Tochter Johanna mit Mann Eric Ingmars Geburtstag zu feiern.

Beim „Barbecue“ (= Grillen) mit vielen leckeren Sachen wie Salat, gegrilltem Gemüse (manche würden hier den Begriff „Gemüsebombe“ verwenden…) und selbstgemachter Limonade auf der großen Terrasse vorm Haus war das Feiern eine sehr angenehme Sache. Leider fing es nach der Hauptspeise an zu tröpfeln, so dass wir für den aus Erdbeeren, Eis, Kuchen und Meringue bestehenden Nachtisch nach drinnen umzogen.

Auch das Innere des Hauses bezauberte mich durch einen ganz eigenen Charme aus zusammengewürfelten Möbeln, liebevollen Dekorationen und einem kreativen Chaos. Um es mit Anettes sehr passenden Worten auszudrücken: „just full of life!“.

So könnte man auch das rege Familienleben beschreiben, an dem Sonia und ich den ganzen Abend teilnehmen durften. Ich genoss es wirklich: kleine Kabbeleien, Späße, Ironie, Erzählen „alter Kamellen“ und viel Gelächter. Das meiste verstand ich zwar nicht, da sie oft Schwedisch sprachen (was an sich schon sehr lustig für mich war), aber zwischenmenschliche Konversation findet ja nicht nur über die Sprache statt. Außerdem wurde Wichtiges für uns übersetzt und großes Thema war beispielsweise auch, wie bestimmte Begriffe des Schwedischen im Deutschen, Spanischen oder Englischen heißen. Sehr lustige Momente ergaben sich, wenn Johannas Mann Eric, der dank seiner Arbeit etwas Deutsch spricht, deutsche Begriffe wie „Riesenhunger“ oder „Knoblauch“ in den Raum warf; einerseits zur Belustigung, andererseits, um mir zu helfen, wenn ich ein englisches Wort nicht verstand.

Der Abend wird mir noch lange in Erinnerung bleiben und ich hoffe, dass sich ähnliches vielleicht noch mal im Laufe des Jahres wiederholt.

Am Samstag arbeitete ich zum ersten Mal regulär im Touristenbüro, jedoch nur kurze vier Stunden und zum Glück mit der sehr erfahrenen Kristina zusammen. Es kamen sehr viele deutsche Touristen, um Informationen zu bekommen. Auf der einen Seite war das gut, da wir uns so ganz einfach auf Deutsch verständigen konnten. Jedoch bringt alle Verständigung nichts, wenn ich ihnen keine Antwort auf ihre Fragen geben kann. Dafür kenne ich mich hier in der Region einfach noch nicht aus, sodass ich alle Fragen auf Englisch an Kristina richten musste. Das ist noch relativ unproblematisch, da ich mich hoffentlich bald besser auskennen werde und dann wenigstens ein paar Infos geben kann.

Was ich aber viel schlimmer finde, ist, wenn schwedischsprachige Menschen in ihrem eigenen Land in ein Touristenbüro gehen und dort nur auf Englisch verstanden werden! In solchen Situationen fühlte ich mich dann doch etwas unqualifiziert für diesen Job. Daher hoffe ich, dass das mit dem Schwedisch lernen schnell erfolgreich wird, wenn es dann mal richtig losgeht.

Nachmittags kaufte ich gewappnet mit einem dreisprachigen Einkaufszettel ein, sehr erfolgreich, aber doch ungewohnt teuer. Mein erstes selbst gekochtes Essen schmeckte trotz erschwerten Bedingungen während der Zubereitung (nur zwei Kochplatten und eine viel, viel zu kleine Arbeitsfläche von ca. 30 cm Breite…) ganz annehmbar.

Die Küchenzeile ist wirklich sehr minimalistisch gehalten, jedoch habe ich nach zwei Tagen sofort den Vorteil erkannt: dreckiges Geschirr bleibt nie länger als einen Tag stehen, da sonst einfach kein Platz mehr zum Kochen bzw. neues dreckiges Geschirr ist…

Am späten Abend wurde ich dann erstmals mit den Auswirkungen bezüglich des Nachtlebens konfrontiert, die sich in einem 9.000-Einwohner-Städtchen ergeben. Sonia und ich wollten eigentlich die einzige Disko besuchen, die es hier gibt, jedoch hatte sie leider diesen Samstagabend aus unerfindlichen Gründen geschlossen.

Als Alternative gab es nur eine einzige Bar, die geöffnet hatte. Ja, ich konnte es, vom Ulmer Nachtleben verwöhnt, auch kaum glauben. Ich wiederhole, es war Samstagabend! Und wir haben uns schon beschwert, weil in Ulm spät nachts unter der Woche kein Dönerladen mehr geöffnet hat…

Anfangs waren wir allein in „Laras Bar“ (wir hatten inzwischen schon halb zwölf), die sich jedoch nach und nach füllte, so dass irgendwann alle Altersgruppen, von 18 aufwärts, vertreten schienen.

Meine Angewohnheit, in allem auch etwas Positives zu sehen, musste an diesem Abend nicht lange auf Anwendung warten. Denn ein junger Mann mit Gitarre tauchte kurz nach unserer Ankunft auf und steigerte mit seinem Spiel die Stimmung um ein Vielfaches. Singen und Gitarre – da kann es eigentlich nur ein schöner Abend werden. Das war dann auch gegen alle Erwartungen der Fall, wobei ich jedoch sagen muss, dass er nicht halb so gut sang wie die beiden engagierten Profisänger bei meiner Abschiedsfeier…

Auch mit Sonia unterhielt ich mich an diesem Abend gut und dank in Minicomputer integriertem Wörterbuch konnten wir die meisten Sprachbarrieren überwinden. Ihre Aussprache ist leider manchmal noch sehr unverständlich für mich, aber langsam gewöhn ich mich daran.

Zum heutigen Sonntag lässt sich nur sagen, dass Sonia und ich wegen fehlendem Fortbewegungsmittel zum eigentlich relativ nah gelegenen See mit Strand zu Fuß liefen. Das „relativ“ stellte sich aber als eine Wanderung von einer ganzen Stunde pro Weg raus… Meine Abneigung gegen spazieren gehen bzw. wandern wurde mal wieder bestätigt, jedoch wurde ich durch die wunderschöne Natur wie den See, Wald und Felder und einige schöne Häuser etwas entschädigt.

Meine Füße tun jedoch immer noch weh und ich werde wohl erst wieder dorthin kommen, wenn ich endlich ein Fahrrad habe.

Da ich immer die Angst habe, euch zu langweilen, beende ich hiermit diesen zweiten, aber natürlich nicht letzten Bericht. Sobald es wieder etwas gibt, was mir interessant erscheint, werden ich es auf jeden Fall mitteilen.

Und dass der Bericht länger ist als der Letzte, hat natürlich nur den Sinn, dass ihr euch im weit entfernten Ulm auch ja nicht langweilt!


Trotz dieser Entfernung denke ich oft an euch alle…

Ich wünsche euch eine ganz schöne, hoffentlich entspannte Woche mit gutem Wetter.

Bis ganz bald,

eure Jacqueline/Jacquie/Jacy/Lini/Tschakeline/Jacquelinchen

Donnerstag, 15. Juli 2010

Schweden - der Anfang

Sitze grade an meinem vollgestapelten Esstisch, höre – natürlich schwedisch – Friska Viljor und schaue aus meinem Fenster. Die Sonne ist doch noch durchgekommen obwohl es heute sonst den ganzen Tag fast nur geregnet hat. Warm ist es trotzdem.

Endlich hab ich Internet und kann von meinen ersten Eindrücken und Erlebnissen hier in Schweden berichten.

Um ganz von vorne zu beginnen gehört meine Anreise auch ein Stück weit dazu.

Los ging’s vom Stuttgarter Flughafen mit 10kg Übergepäck. Wie soll man sich bitte für ein Jahr mit 20kg Gepäck begrenzen? Für mich unmöglich.

Stationen meiner Reise waren der Flug von Stuttgart nach Kopenhagen, vier Stunden Wartezeit am Kopenhagener Flughafen, die ich mit einem völlig überteuerten Sandwich (9 €!) überbrückte, der Flug von Kopenhagen nach Göteburg, ein Bus vom Flughafen zum Bahnhof, verzweifelte Suche nach dem Ersatzbus für den Zug nach Trollhättan und letztendlich ein Bummelzug zum idyllisch gelegenen Ziel Mellerud, meinem Wohnort für die nächsten zwölf Monate.

Die Reise lockte verschiedenste Gefühle wie Aufregung, Anspannung, Freude, Trauer und Neugier in mir hervor. Während ich im Moment des Abhebens im ersten Flugzeug, dem freundlichen „Hej, hej!“ des Busfahrers in Göteborg und eines „Vorsicht! Elch“ - Schilds am Straßenrand ein Grinsen nicht unterdrücken konnte, musste ich jedoch angesichts der zurückliegenden Abschiede schwer schlucken. Zum Glück lenkten mich die vielen lieben SMS nicht zu ersetzender Freunde während der Reise ab, ich danke von ganzem Herzen dafür!

Bei meiner Ankunft um 10 Uhr abends erwarteten mich ca. 20°, Helligkeit und ein leerer Bahnhof. Größte Angst, vergessen zu werden, eingetreten? …nach einer viertel Stunde stieg eine Schwedin namens Carina aus einem direkt vor mir stehenden Auto und es stellte sich heraus, dass sie mich einfach nicht gesehen hatte.

Kurze Fahrt zu einem gelben, etwas mitgenommenen Haus, noch einmal das mir Muskelkater bescherende schwere Gepäck zum dritten und obersten Stock schleppen.

Und dann, Tür auf: helles Zimmer mit kleiner Küchenzeile und Minibad mit etwas gewöhnungsbedürftigem Geruch (liegt wohl an einem fehlenden Fenster bzw. Lüftung) und Abstellkammer inklusive Schrank (Stange mit ein paar Bügeln?).

Sehr erleichtert wurde meine Ankunft, da alles bereits relativ wohnlich eingerichtet war: das Bett war bezogen, Grundnahrungsmittel waren eingekauft, Kerzen und Handtücher lagen bereit, mehrere Lampen und ein schöner Vorhang rundeten den ersten Eindruck ab (meine Fotos ersparen hoffentlich weitere Beschreibungen).

Nach einem kurzen Anruf zuhause und ein paar „Bin gut angekommen“ - SMS war nur noch schlafen angesagt. Die Müdigkeit verhalf mir glücklicherweise zum sofortigen Einschlafen im neuen Bett.


Die Sonne kommt grade ganz heraus und leuchtet direkt durch mein Fenster! Hoffe, ihr langweilt euch nicht bei so Details, aber zur Beschreibung meiner Eindrücke ist das für mich unumgänglich.


Tag eins in Mellerud begann, zum Glück erst um 12 Uhr, mit einem Essen zusammen mit zwei zukünftigen Arbeitskollegen, Yvonne und Charlotta, und der anderen Freiwilligen hier in Mellerud, die Spanierin Sonia. Einen sympathischen Eindruck und die Erkenntnis, dass mein Englisch gegen alle Erwartungen zur einfachen Kommunikation ausreicht, nahm ich dabei mit.

Sonia zeigte mir dann das kleine Örtchen Mellerud, mit 9.000 Einwohnern sehr überschaulich. Ein kleines Zentrum mit Springbrunnen, ein paar Läden, eine Bibliothek und das Büro für Touristen sowie Angelegenheiten der Kommune Mellerud – mein zukünftiger Arbeitsplatz – sind wohl die wichtigsten zu nennenden Plätze.

Nach einem kurzen Besuch im Büro und einem Einkauf mit Charlotta hatte ich für den Rest des Tages frei. So blieb mir die Möglichkeit, gewappnet mit meiner neuen Kamera, noch einmal selbst durch den Ort zu ziehen und ein paar Impressionen festzuhalten.

In das neue Zimmer, noch nicht fertig eingerichtet und noch fremd, zurückzukommen war seltsam und mit dem Gefühl des Alleinseins umzugehen gestaltete sich schwierig. Dafür war der für mich sehr schwere Abschied von zuhause noch zu frisch. Aktivitäten wie Spülen des gesamten Geschirrs (das so neu ist, dass ich noch die Zettel abkratzen musste) sowie der einfach geniale Film „Wo ist Fred?“ lenkten mich jedoch ab.


Der zweite Tag war sehr gut für mich. Ich lernte meine Tutorin Anette kennen, eine sehr interessante Frau voller Lebensfreude und Humor. Völlig offen und interessiert begegnete sie mir und offenbarte mir sofort viele tolle Möglichkeiten wie ein Chor direkt in Mellerud, Ausleihen eines Cellos, Benutzung eines Klaviers, genug Wege zum Joggen usw., um das nächste Jahr gut zu füllen. Auch betonte sie, dass ich über alles ganz offen mit ihr sprechen kann, in ihrem Haus direkt am See jederzeit willkommen bin und sie mich als eine weitere Tochter neben Sonia und ihren eigenen zwei Kindern betrachtet! Dazu muss man wohl nichts mehr sagen…

Sie nahm mich gleich zu einer Shoppingtour durch Mellerud mit, um für ihren Mann (Leiter des Büros, in dem ich arbeite) ein Geburtstagsgeschenk zu kaufen. Sonia und ich wurden auch direkt eingeladen mit ihnen und dem Rest der Familie den Tag zu feiern, so dass ich morgen am abendlichen Barbecue dabei bin.

Es folgten ein gemeinsames Essen mit Anette, Sonia, Carina (meine Mentorin fürs Arbeiten) und Charlotta und eine Besprechung mit Carina, in der wir die wichtigsten Sachen klärten. Leider kann ich immer noch nicht genau sagen, was meine Arbeit dort konkret umfassen wird. Erstmal soll ich mich mit Infos zudecken, so dass ich mich etwas in der Region auskenne und so für die Arbeit in der Touristeninformation gewappnet bin, die von vielen Deutschen aufgesucht wird. Wenn die Schule hier wieder anfängt werde ich vielleicht auch bei ein paar Projekten mit Kindern helfen und ein bisschen in den Schulklassen über mich als Freiwillige erzählen. Die Arbeit scheint wohl sehr vielfältig und das ist sehr positiv für mich.


Richtig Schwedisch lernen werde ich wohl erst im August, da dort die Schule wieder beginnt und Sonia und ich dann erst Stunden nehmen können. Darauf, sowie auf das EFD-Seminar im September im wunderschönen Stockholm freue ich mich sehr.

Für heute schließe ich meinen Bericht ab, doch weitere folgen auf jeden Fall. Nach der tollen Überraschungs-Abschiedsfeier und viel zu vielen Abschiedsgeschenken (ihr seid alle verrückt!) kann ich euch vielleicht so ein kleines Bisschen zurückgeben.

Falls irgendjemand trotzdem noch nicht genug von mir hat: eingerichtetes Skype-Konto wartet nur noch auf ein Mikrofon und meine Anschrift weiß ich nach dem zweiten Tag jetzt auch! Und wer mehr Lust auf Fotos hat: instantgallery ist bereit und kann mit einem bei mir zu erfragenden Passwort angeschaut werden.

Ich sende euch die liebsten Grüße und umarm euch fest!

Vi ses snart!

Jacqueline