Es ist Sonntagabend, kurz nach elf. Die Sonne ist vor ca. einer halben Stunde untergegangen, aber der Himmel ist noch hell und leicht rosa gefärbt.
Die langen Sommerabende sind wirklich toll, man hat gar keine Lust ins Bett zu gehen. Versuche gerade ganz viel Sonne zu tanken, denn im Winter werde ich nur sehr wenig davon haben (hab ich mir wohl von Frederick abgeschaut, falls jemand noch den Mäuserich aus Kindheitstagen kennt).
Die Sonne ist aber nicht sehr zuverlässig hier, da es an einem Tag regnet, am anderen jedoch wieder strahlender Sonnenschein herrscht. Oder so wie heute: Wolken, Sonne und kühler Wind abwechselnd. Versteh einer das schwedische Wetter…
Bevor ich anfange, von den letzten zwei Tagen zu berichten, kurz vorweg: ich wurde mehrmals gefragt, wer denn die zwei Mädels auf dem untersten Bild des letzten Blogs waren: die Linke ist Sonia, die andere Freiwillige, die hier mit mir arbeitet. Und die Rechte ist Kristina, sie arbeitet hier im Sommer als Ferienjobberin, studiert aber sonst Rechtsanwältin in Göteburg.
Der Freitag… Glücklicherweise konnte ich meinem immer vorhandenem Schlafbedürfnis nachgehen, da ich erst um halb eins zusammen mit Sonia nach Åmål fuhr. Ich musste vorher auch nicht im Büro arbeiten und hatte so einen sehr entspannten Tag vor mir.
Man braucht ungefähr eine halbe Stunde mit dem Zug zu der etwas größeren Stadt in Richtung Norden.
Werde dort von jetzt an jeden Freitagnachmittag verbringen, da sich im Büro meiner koordinierenden Organisation „Europe Direct“ alle Freiwilligen aus Åmål, Mellerud und der nahen Umgebung treffen. In der sogenannten „ficka“ (keine Ahnung, woher der Begriff kommt) können wir uns so austauschen und über Erlebtes, Neuigkeiten und Pläne fürs Wochenende reden. Wie ich finde, eine sehr gute Idee.
So machte ich die Bekanntschaft mit ungefähr acht anderen Freiwilligen aus Italien, Georgien, Litauen, der Ukraine und Deutschland. Die meisten von ihnen sind jetzt schon fast ein Jahr hier und kennen sich schon sehr gut. Im Laufe der nächsten zwei Monate werden außer zwei von ihnen alle in ihre Heimatländer zurückkehren, da dann die Projekte beendet sind. Einerseits ist es schade, dass ich sie so nicht mehr wirklich kennen lernen kann, aber andererseits werden im September neue Freiwillige kommen, die dann in einer ähnlichen Situation wie ich sein werden.
Ich werde die sehr sympathische Deutsche aus München wohl noch etwas ausquetschen, bevor sie zurückgeht. Vielleicht kann sie mir ein paar Tipps geben oder einfach ein bisschen von ihrem Projekt erzählen, mal sehen.
Vor und nach dem „Kaffeeklatsch“ zogen Sonia und ich durch alle Läden, die es in Åmål gibt. Da es aber auch nicht wirklich viele sind, gingen wir teilweise auch zweimal rein. Positiv bemerken muss ich aber, dass ich erfolgreich ein sehr günstiges, aber gut funktionierendes Mikrofon zum Skypen gefunden habe, das bisher aber leider noch nicht zum Einsatz kam.
Wir hatten einen sehr späten Bus zurück ausgesucht, so dass wir doch ziemlich lange im kleinen Städtchen Zeit verbrachten. Zwar konnte ich endlich den riesigen See Vänern bewundern, an dem Åmål sowie auch Mellerud liegen, jedoch wurde die Zeit doch etwas lang. Ich wurde so müde, dass ich während des Wartens an der Bushaltestelle im Sitzen einschlief…
So hatte ich aber für den Abend wieder etwas Energie getankt und wurde sowieso hellwach, als ich zu einem der schönsten Orte kam, die ich vorher gesehen habe:
Der Wohnort meiner Tutorin Anette.
Stellt euch ein helles, großes Holzhaus mit vielen Fenstern vor, das erstens mitten im Wald steht und zweitens von drei Seiten mit Wasser umgeben ist. Es steht nämlich direkt auf einer Landzunge mit Leuchtturm, die in den Vänernsee hineinreicht, so dass man im Wohnzimmer sitzend nur jeweils den Kopf um 180° drehen muss, um durch die am Ufer stehenden Bäume das wunderschöne Blau des Sees durchblitzen zu sehen.
Mir verschlug es wirklich für einen kurzen Moment den Atem, als wir nach 20-minütiger Fahrt auf einer einsamen Straße durch den Wald an diesem traumhaften Platz ankamen.
Anettes Mann Ingmar, deren Sohn Calle sowie seine Freundin Tina hatten Sonia und mich vom Bus abgeholt, um zusammen mit ihnen, Anette und Tochter Johanna mit Mann Eric Ingmars Geburtstag zu feiern.
Beim „Barbecue“ (= Grillen) mit vielen leckeren Sachen wie Salat, gegrilltem Gemüse (manche würden hier den Begriff „Gemüsebombe“ verwenden…) und selbstgemachter Limonade auf der großen Terrasse vorm Haus war das Feiern eine sehr angenehme Sache. Leider fing es nach der Hauptspeise an zu tröpfeln, so dass wir für den aus Erdbeeren, Eis, Kuchen und Meringue bestehenden Nachtisch nach drinnen umzogen.
Auch das Innere des Hauses bezauberte mich durch einen ganz eigenen Charme aus zusammengewürfelten Möbeln, liebevollen Dekorationen und einem kreativen Chaos. Um es mit Anettes sehr passenden Worten auszudrücken: „just full of life!“.
So könnte man auch das rege Familienleben beschreiben, an dem Sonia und ich den ganzen Abend teilnehmen durften. Ich genoss es wirklich: kleine Kabbeleien, Späße, Ironie, Erzählen „alter Kamellen“ und viel Gelächter. Das meiste verstand ich zwar nicht, da sie oft Schwedisch sprachen (was an sich schon sehr lustig für mich war), aber zwischenmenschliche Konversation findet ja nicht nur über die Sprache statt. Außerdem wurde Wichtiges für uns übersetzt und großes Thema war beispielsweise auch, wie bestimmte Begriffe des Schwedischen im Deutschen, Spanischen oder Englischen heißen. Sehr lustige Momente ergaben sich, wenn Johannas Mann Eric, der dank seiner Arbeit etwas Deutsch spricht, deutsche Begriffe wie „Riesenhunger“ oder „Knoblauch“ in den Raum warf; einerseits zur Belustigung, andererseits, um mir zu helfen, wenn ich ein englisches Wort nicht verstand.
Der Abend wird mir noch lange in Erinnerung bleiben und ich hoffe, dass sich ähnliches vielleicht noch mal im Laufe des Jahres wiederholt.
Am Samstag arbeitete ich zum ersten Mal regulär im Touristenbüro, jedoch nur kurze vier Stunden und zum Glück mit der sehr erfahrenen Kristina zusammen. Es kamen sehr viele deutsche Touristen, um Informationen zu bekommen. Auf der einen Seite war das gut, da wir uns so ganz einfach auf Deutsch verständigen konnten. Jedoch bringt alle Verständigung nichts, wenn ich ihnen keine Antwort auf ihre Fragen geben kann. Dafür kenne ich mich hier in der Region einfach noch nicht aus, sodass ich alle Fragen auf Englisch an Kristina richten musste. Das ist noch relativ unproblematisch, da ich mich hoffentlich bald besser auskennen werde und dann wenigstens ein paar Infos geben kann.
Was ich aber viel schlimmer finde, ist, wenn schwedischsprachige Menschen in ihrem eigenen Land in ein Touristenbüro gehen und dort nur auf Englisch verstanden werden! In solchen Situationen fühlte ich mich dann doch etwas unqualifiziert für diesen Job. Daher hoffe ich, dass das mit dem Schwedisch lernen schnell erfolgreich wird, wenn es dann mal richtig losgeht.
Nachmittags kaufte ich gewappnet mit einem dreisprachigen Einkaufszettel ein, sehr erfolgreich, aber doch ungewohnt teuer. Mein erstes selbst gekochtes Essen schmeckte trotz erschwerten Bedingungen während der Zubereitung (nur zwei Kochplatten und eine viel, viel zu kleine Arbeitsfläche von ca. 30 cm Breite…) ganz annehmbar.
Die Küchenzeile ist wirklich sehr minimalistisch gehalten, jedoch habe ich nach zwei Tagen sofort den Vorteil erkannt: dreckiges Geschirr bleibt nie länger als einen Tag stehen, da sonst einfach kein Platz mehr zum Kochen bzw. neues dreckiges Geschirr ist…
Am späten Abend wurde ich dann erstmals mit den Auswirkungen bezüglich des Nachtlebens konfrontiert, die sich in einem 9.000-Einwohner-Städtchen ergeben. Sonia und ich wollten eigentlich die einzige Disko besuchen, die es hier gibt, jedoch hatte sie leider diesen Samstagabend aus unerfindlichen Gründen geschlossen.
Als Alternative gab es nur eine einzige Bar, die geöffnet hatte. Ja, ich konnte es, vom Ulmer Nachtleben verwöhnt, auch kaum glauben. Ich wiederhole, es war Samstagabend! Und wir haben uns schon beschwert, weil in Ulm spät nachts unter der Woche kein Dönerladen mehr geöffnet hat…
Anfangs waren wir allein in „Laras Bar“ (wir hatten inzwischen schon halb zwölf), die sich jedoch nach und nach füllte, so dass irgendwann alle Altersgruppen, von 18 aufwärts, vertreten schienen.
Meine Angewohnheit, in allem auch etwas Positives zu sehen, musste an diesem Abend nicht lange auf Anwendung warten. Denn ein junger Mann mit Gitarre tauchte kurz nach unserer Ankunft auf und steigerte mit seinem Spiel die Stimmung um ein Vielfaches. Singen und Gitarre – da kann es eigentlich nur ein schöner Abend werden. Das war dann auch gegen alle Erwartungen der Fall, wobei ich jedoch sagen muss, dass er nicht halb so gut sang wie die beiden engagierten Profisänger bei meiner Abschiedsfeier…
Auch mit Sonia unterhielt ich mich an diesem Abend gut und dank in Minicomputer integriertem Wörterbuch konnten wir die meisten Sprachbarrieren überwinden. Ihre Aussprache ist leider manchmal noch sehr unverständlich für mich, aber langsam gewöhn ich mich daran.
Zum heutigen Sonntag lässt sich nur sagen, dass Sonia und ich wegen fehlendem Fortbewegungsmittel zum eigentlich relativ nah gelegenen See mit Strand zu Fuß liefen. Das „relativ“ stellte sich aber als eine Wanderung von einer ganzen Stunde pro Weg raus… Meine Abneigung gegen spazieren gehen bzw. wandern wurde mal wieder bestätigt, jedoch wurde ich durch die wunderschöne Natur wie den See, Wald und Felder und einige schöne Häuser etwas entschädigt.
Meine Füße tun jedoch immer noch weh und ich werde wohl erst wieder dorthin kommen, wenn ich endlich ein Fahrrad habe.
Da ich immer die Angst habe, euch zu langweilen, beende ich hiermit diesen zweiten, aber natürlich nicht letzten Bericht. Sobald es wieder etwas gibt, was mir interessant erscheint, werden ich es auf jeden Fall mitteilen.
Und dass der Bericht länger ist als der Letzte, hat natürlich nur den Sinn, dass ihr euch im weit entfernten Ulm auch ja nicht langweilt!
Trotz dieser Entfernung denke ich oft an euch alle…
Ich wünsche euch eine ganz schöne, hoffentlich entspannte Woche mit gutem Wetter.
Bis ganz bald,
eure Jacqueline/Jacquie/Jacy/Lini/Tschakeline/Jacquelinchen
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