Dienstag: Ich suche nach Wolken am Himmel, kann aber nur die sehr warm scheinende Sonne entdecken, die uns 23° beschert. Ich fühl mich wie im Sommer und… zunehmend vom Wetter verarscht!
Zwar rede ich mal wieder über selbiges, jedoch will ich damit nicht den Eindruck erwecken, dass ich nichts zu erzählen hätte!
Daher muss ich wohl mal kulturelle Unterschiede erklären: in Schweden ist das Wetter nämlich Gesprächsthema Nummer Eins! Und nach Meinung der Schweden auf keinen Fall eine Form des belanglosen Small-Talks! Und da Schweden ja jetzt meine vorübergehende Heimat ist, muss ich mich auch ein kleines bisschen anpassen.
Trotz aller Rücksichtsnahme wende ich mich nun doch etwas Belangvollerem zu, meiner ersten Arbeitswoche!
Durch sehr schonende Arbeitszeiten genoss ich in dieser noch ein kleines Gefühl von Ferien, schließlich musste ich immer erst um 12.00 Uhr anfangen und kam so in den Genuss von Ausschlafen und spätem Frühstücken.
Auch das Arbeiten selbst führte nicht gerade zu einer Überlastung… Denn der Grad der Beschäftigung ist exponentiell abhängig von der Anzahl der Touristen. Und die ist an manchen Tagen wirklich nicht sehr groß.
Wenn dann aber mal Besucher kommen, sind es sehr oft deutsche Urlauber. Und da ich oft an ihrem Englisch oder vorangegangenen Gesprächen ihre Herkunft erkenne, erlöse ich die meisten von der Qual, Englisch zu sprechen, mit den Worten: „Ich kann auch Deutsch“. Das ist leider oftmals das einzige was ich kann, um ihnen zu helfen, jedoch kenn ich mich zunehmend besser aus.
Dies ist wohl auch einem sehr informativen Sightseeing-Trip zu verdanken, den ich zusammen mit meiner Chefin Carina anging. Wir klapperten die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Region mit dem Auto ab. Zwar konnte ich manche nur im Vorbeifahren bewundern, jedoch dafür einige andere hautnah erleben.
Einige Stationen unseres Trips:
Der Hafen „Sunnanå hamm“, nicht weit von Mellerud entfernt und am Vänernsee liegend.
Ein traumhaft schönes Naturreservat, dessen Anfang mich schon durch uralte Felszeichnungen und unberührter Natur bezauberte.
Das Städtchen Haverud mit sehr bekanntem Aquädukt, an dem sich Eisenbahn, Schiff und Auto auf verschiedenen Ebenen treffen und das gleichzeitig eine Schleuse für den sehr beliebten Dalslandkanal bildet.
Ein dreistöckiges Handwerksmuseum mit sehr schönen handgefertigten Stücken aus der Region.
Ein altes, kleines Schloss in schön angelegtem Garten.
Und…. den ersten Elch, den ich je gesehen habe!
Eine weitere wunderschöne Sehenswürdigkeit trägt keinen Namen: denn als sehr sehenswert bezeichne ich die dunkelgrünen Nadelwälder, die weiten Felder und Wiesen, die Birken, die immer wieder hervorblitzenden kleinen glasklaren Seen und die einsam verstreuten Holzhäuser in allen Farben von Grün, Gelb, Blau und Weiß bis hin zum typischen Rot, durch die auf kleinen bergigen Straßen unsere Fahrt ging.
Und ich begriff ein kleines bisschen, dass ich jetzt tatsächlich hier in Schweden bin.
Etwas Herzklopfen bereitete mir die Nachricht am Morgen vor diesem Trip: „Du kriegst jetzt ’nen Autoschlüssel, gehst runter in die Garage, nimmst das Auto mit der Nummer 34 und holst dann Carina vom Bahnhof ab.“
Mein Inneres schrie: „Oh mein Gott, nein, das kann ich nicht, ich weiß noch nicht mal, wie ich zum Bahnhof komme, außerdem ist das ein Schalt-Auto…“
Da ich aber nicht gefragt wurde, was mein Inneres so schreit, blieb mir keine andere Wahl...
Gegen alle meine Erwartungen lief alles gut und das Fahren machte mir so Spaß, dass ich gleich am nächsten Tag noch mal eine kleine Fahrt für das Büro zum Hafen machte und am Freitag zusammen mit Sonia nach Åmål kurvte.
Vor der wöchentlichen „fika“ (hab jetzt übrigens herausgefunden, dass es einfach nur „Kaffee trinken“ heißt) holten wir eine Freundin von Sonia am Bahnhof ab, die übers Wochenende zu Besuch kam. Marit wohnt in Oslo und ist Norwegerin, kann sich also problemlos auch mit Schweden unterhalten.
Am Bahnhof trafen wir auch die andere deutsche Freiwillige Leonie, die mir den ganzen Weg über und während der fika bereitwillig aus ihrem Erfahrungsschatz erzählte. Aber nein, ihr habt euch getäuscht! Das Gespräch fand nicht in Deutsch sondern die meiste Zeit in Englisch statt! Denn für Leonie war es so ungewohnt nach langer Zeit wieder länger Deutsch zu sprechen, dass sie mich nach einigen lustigen denglischen Wörtern letztendlich bat, ob wir nicht auf Englisch weiterreden könnten! So geht’s mir dann in einem Jahr vielleicht auch…
Nach der fika machten Sonia, Marit und ich einen kleinen Stadtrundgang und besuchten dann die anderen Freiwilligen in ihrer WG in Åmål. Einen Tee schlürfend unterhielten wir uns alle über Leonies Erfahrungen, dem EFD im Allgemeinen und über andere interessante Themen, die oft von der interessierten Marit initiiert wurden.
Mit dem Tee aufgewärmt, fühlten wir uns dann für eine dreistündige Bootsfahrt auf dem Vänernsee inklusive Shrimps-Essen gewappnet. Es war sehr schön, den See vom Wasser aus kennen zu lernen, da man so die vielen Prachthäuser und beneidenswerte Privatstege sehen konnte. Jedoch trugen 13° und abendliche Kälte auf dem Wasser dazu bei, dass ich sehr froh war, nach gut überstandener Rückfahrt in mein warmes Bett zu kriechen.
Schließlich musste ich am nächsten Tag auch Arbeiten, jedoch nur angenehme und ruhige vier Stunden.
Den Rest des Samstags verbrachte ich mit Wäsche waschen: ich wanderte also zum ersten Mal mit meinem Wäschekorb voller Klamotten zwei Häuser weiter, da sich dort im Keller der Waschraum befindet. Das Waschen verlief ohne größere Zwischenfälle, jedoch nahm es den ganzen Nachmittag in Anspruch.
Der Abend bereitete mir dann aber noch etwas Abwechslung von Hausarbeit, da ich erstmals an einer schwedischen Home-Party teilnahm. Da sich das wegen seiner Einzigartigkeit schwer in Sätze bringen lässt, hier einige Fakten, die für sich sprechen sollten:
Ort: 20-minütig entferntes, sehr altes Haus mitten im Wald
Teilnehmer: anfangs: fünf schwedische Jungs, alle Ende 20, ein Vater und Sonia, Marit und ich; gegen später: vier weitere schwedische Menschen aus Mellerud und Umgebung
Gesprächsthemen: einige hier nicht aufführbare Themen (aufgrund von Nichtverständnis, einerseits wegen schwedischer Sprache, andererseits wegen inhaltlosem Gelaber), Besonderheiten einzelner Länder und der verschiedenen Sprachen, Geistergeschichten
Aktionen: Grillen auf Terrasse, Fahrt mit einem vierrädrigen Vehikel, nächtliches Bad einiger im nahen, kleinen See, Besichtigung des Hauses, gemütliches Beisammensitzen
Erkenntnis: trotz der hier sehr teuren Alkoholika, wissen die Schweden wie man ausgiebig feiert
Das sollte ausreichen…
Wie geht es mir?
So langsam spielt sich hier alles ein, es zeichnet sich auch schon ein gewisser Alltag ab.
Einerseits befürworte ich das, da ich so weiß, was mir der Tag bringt; andererseits ist es aber auch schade, da eine gewisse Regelmäßigkeit meistens auch Langweile beinhaltet. Aber es gibt natürlich immer noch Neues, das mich erwartet und das wird auch noch eine Weile so bleiben.
Mir fällt auf, dass die Zeit wirklich schnell vorbei geht. Die Tage rennen nur so dahin… Das liegt aber auch daran, dass ich abends immer erst um 18.00 Uhr nach Hause komme und dann mit Einkaufen, Kochen, Abspülen, E-Mails beantworten und endlich mal wieder in Ruhe Lesen ausreichend beschäftigt bin. Seit ein paar Tagen kommen nun auch Skype-Telefonate dazu, die toll und komisch zugleich sind. Da sitzt ein Mensch vor dir, dem du beim Reden direkt in die Augen schauen kannst, der jedoch hunderte Kilometer entfernt ist!
Nächste Woche werde ich jedoch vertraute Gesichter sehen, die dann wirklich in meiner Nähe sind, da meine Cousine Verena und ihr Freund in der Nähe von Mellerud Urlaub machen und mich für ein oder zwei Nächte in ihr kleines Ferienhäuschen eingeladen haben.
Am Wochenende davor steht auch noch etwas an, auf das ich mich schon sehr freue: hier findet nämlich ein Festival namens KAOS (sehr geeignete Namensgebung) statt. Eine Band kenn ich sogar und die anderen werde ich dann hoffentlich dank Freikarten für Sonia und mich noch kennen lernen!
Mittlerweile ist die Sonne auch hier untergegangen, aber vor einer halben Stunde (23.30) hab ich sie noch gesehen… Wann wird’s bei euch noch mal dunkel? :)
Auch wenn ihr im dunklen Deutschland wohnt schicke ich euch trotzdem liebste Grüße!
Ich bin sehr froh, dass es euch gibt!
Und dass ihr mich mit zahlreichen Mails und Telefonaten beschäftigt!
Ich drück euch ganz doll!
Jacqueline
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