Montag, 27. September 2010

„I don’t want a lot for Christmas, there is just one thing I need...“ Diesen schrecklichen Ohrwurm von Mariah Careys „All I want for Christmas is You“ hab ich nun schon den ganzen Tag und bekomm ihn einfach nicht weg. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich dieses Lied während der gestrigen Probe meines „Gastchors“ sehr oft gesungen habe. Und obwohl bis Weihnachten noch einige Zeit vergeht, freu ich mich dieses Jahr besonders darauf, schließlich ist der Flug zu euch schon gebucht…

Nun ist es aber erstmal Zeit für einen etwas verspäteten Zwischenbericht. Seit meinem letzten Blog hat sich in der Tat sehr viel getan! Und ich bin wirklich sehr froh und dankbar über die Veränderungen.


Für alle, die mal wieder keine Zeit haben, eine Kurzzusammenfassung:

Kajak fahren, Interview für einen Zeitungsartikel, Abschlusspräsentation eines Irischen Projekts, „On-Arrival-Training“ in Stockholm, Schwedisch-Unterricht, Cello und Orchester, neue Freiwillige in Åmål, Dalslandtour, Buchmesse in Göteborg.


Und für all die anderen treuen Seelen eine etwas genauere Version…

Da beginne ich doch gleich mal mit dem Kajak fahren, das an einem lauen Dienstagabend statt fand. Es wehte eine leichte Brise und es regnete ausnahmsweise mal nicht. Optimale Bedingungen also, um sich am Kajak fahren auf dem Vänernsee zu probieren.

Nach einer kurzen schwedischen Einführung in die Paddeltechnik, bei der ich dann leider auch nur einen Bruchteil verstand, ging’s auch schon los… rein in dieses mysteriöse Kajak-Etwas, Paddel in die Hand gedrückt, noch ein paar mehr oder weniger ermutigende Worte mit auf den Weg gegeben und ins Wasser geschubst. Also, dann viel Spaß…

Nachdem ich die erste Hürde, ein im Weg liegendes, aber leider sehr großes Boot, mit einer mehr oder weniger eleganten Umschiffung gemeistert hatte, wurden mir die Steuerung und das richtige Paddeln etwas klarer. Mit der Zeit hatte ich den Bogen ganz gut raus, so dass ich mit wenigen Zwischenfällen die ca. einstündige Fahrt durch kleine Inselchen und grünes Schilf hindurch sehr genießen konnte. Und während wir da so vor uns hinpaddelten, ging langsam die Sonne unter und schenkte uns eine traumhafte Atmosphäre, die einem die Anstrengung des Paddelns beinah vergessen ließ. Als Belohung gab’s zusätzlich noch ein ziemlich leckeres Sandwich mit Krabben im am Hafen.

Organisiert wurde diese Schnupperstunde vom Råmeo (sprich: Romeo)-Club. Ich hab mich anfangs auch etwas über diesen Namen gewundert, jedoch ist das ganze sehr harmlos, da die Mitglieder alle Arbeitnehmer der Kommune Mellerud sind. Dank dieser Organisation darf ich auch umsonst das Schwimmbad inklusive Whirlpool direkt gegenüber von mir besuchen.


Das Event schien so außergewöhnlich zu sein, dass sogar eine Frau von der örtlichen Wochenzeitung „Melleruds Nyheter“ (Neuigkeiten aus Mellerud) darüber berichtete. Und als sie erfuhr, dass ich die neue Freiwillige bin, machten wir gleich einen Interviewtermin für den nächsten Tag aus, da sie schon länger einen Artikel über mich schreiben wollte.

Etwas gespannt, aber relativ gelöst, da ich dank der Deutschkenntnisse der Reporterin ganz offen von meinen Erfahrungen und Erwartungen berichten konnte, beantwortete ich also so gut es ging all ihre Fragen und ließ sogar das Foto über mich ergehen.

Was aber nun in dem Zeitungsartikel wirklich drinsteht, kann ich euch leider auch nicht sagen… schließlich wurde dieser auf Schwedisch verfasst. Ich schließe aber voller Optimismus mal darauf, dass der Artikel ganz in Ordnung war, da die Leute normalerweise nicht schreiend wegrennen, wenn sie mich erkennen…


Am Samstag überredete ich Sonia dann, mich zu der Abschlusspräsentation des irisch-schwedischen Projekts zu begleiten, das die ganze Woche lang stattgefunden hatte. Vielleicht erinnert sich ja der eine oder andere noch daran, dass ich am Anfang berichtete, im September bei einem Jugendaustauschprogramm mit irischen Jugendlichen mitzuarbeiten. Doch eben dieses Projekt rückte Woche um Woche näher, ohne dass wir genauere Informationen bekamen. Auch nach mehrmaligem Nachfragen meinerseits, was wir denn jetzt konkret bei diesem Projekt für Aufgaben übernehmen sollten, gab es keine wirkliche Antwort. So fing das Projekt also an, lief die Woche über und kam am Samstag zu seinem Ende, ohne dass Sonia oder ich auch nur ein Fitzelchen davon mitbekommen, geschweige denn mitgeholfen hätten. Verständlicherweise begeisterte mich das nicht gerade und so wollte ich wenigstens die Abschlusspräsentation mitbekommen. Das hat sich auch echt gelohnt! Die Jugendlichen beeindruckten nämlich mit verschiedensten sehr guten Beiträgen von Gesang, Instrumentalvorspielen (z.B. Dudelsack und Gitarre), Tänzen oder kleinen Theaterszenen bis hin zu Diavorträgen und Filmausschnitten. Zusammen gab das eine hervorragende Show her, nach der ich aber umso mehr bedauerte, nicht bei dem Projekt geholfen haben zu können.


Abends machte ich mich, leider allein, nach Åmål auf, da Sonia irgendwelche, anscheinend sehr wichtigen Sachen erledigen musste. Die Aussicht auf einen lustigen Abend in Gesellschaft wollte ich mir aber auf keinen Fall nehmen lassen. Schließlich sollte das auch einer der ersten Abende mit den neuen Freiwilligen in Åmål werden.

Die da wären: Anna aus Polen, Mitte 20, arbeitet im Kindergarten, ist schon verlobt, sehr offen, herzlich und witzig; Mareike aus Deutschland, 20, hilft im Altersheim mit, verrückt und sympathisch und glücklicherweise mit sehr ähnlichen Interessen wie ich; Oliver aus Ungarn, Anfang 20, nett, aber für mich noch etwas undurchschaubar. Das sind sie also: „die Neuen“ und ich bin sehr, sehr froh, dass sie jetzt da sind! Zwar sind sie ja leider 45 km von mir entfernt, doch nehme ich ihr herzliches Angebot „jederzeit bei ihnen übernachten zu können“ sehr gerne an und habe nun schon einige Samstagabende in Åmål verbracht.

Ich hab Anna und Mareike sehr schnell kennen und schätzen gelernt, da wir nicht nur ein paar kostenlose Besuche der am Hafen liegenden Diskothek „Hamnkompaniet“ tätigten (bei denen wir sogar ein paar Einheimische kennen lernten!) sondern auch noch andere gemeinsame Aktionen wie eine Dalslandtour (Abklappern aller Sehenwürdigkeiten dieser Region) oder einfach nur gemütliches Beisammensitzen und Gespräche unternahmen.


Die Woche nach dem ersten Abend in Åmål ging’s für mich und Sonia zum „On-Arrival-Training“, das obligatorischer Teil des EVS-Programms ist und glücklicherweise in der traumhaft schönen Landeshauptstadt Stockholm stattfand. Zwar hatte ich Teile der Stadt schon beim Familienurlaub vor zwei Jahren besichtigt, jedoch gab es auch diesmal noch neue Orte zu entdecken und auch schon Bekanntem wie „Gamla Stan“, „Nödermalm“ oder „Drottningsgatan“ stattete ich sehr gerne noch mal einen Besuch ab.

Das Seminar fand auf einer kleinen Insel etwas außerhalb von Stockholm statt. Leider waren wir nur sechs Teilnehmer, was ich ziemlich bedauerte, da ich auf ganz viele neue Bekanntschaften gehofft hatte. Jedoch erlaubte die kleine Anzahl auch ein schnelles Kennenlernen und obendrein jede Menge Spaß. Beispielsweise das Getränkekistenbauen oder Parcoure über Drahtseile verhalfen schnell zu einem guten Gruppenklima.

Auch inhaltlich tat mir das Seminar sehr gut, schließlich ging es um Themen wie „Schweden sind reserviert und es ist schwer sie kennen zu lernen“ bzw. „Schweden haben ihre eigene Arbeitsweise, die sich ziemlich von dem unterscheidet, was ihr kennt.“ Genau diese Probleme hatten mich zuvor beschäftigt und es war gut, mal offen darüber zu reden. Konkret: viele Freiwillige, die nach Schweden kommen haben Probleme dort auch schwedische Freunde zu finden und sind oft ziemlich isoliert in ihren kleinen Ortschaften. Man sollte sich aber von dem scheinbar nicht vorhandenem Interesse der Schweden nicht irritieren lassen, sondern einfach immer den ersten Schritt tun und einen Plan aushecken, um die Schweden aus ihrer sorgsam aufgebauten Privatssphäre zu locken. Und bezüglich der Arbeitsweise: von einem schwedischen Chef sollte man nie erwarten, dass er oder sie dir Aufgaben gibt oder deine Probleme löst. Die Aufgaben muss man sich selbst suchen und Probleme werden immer gemeinsam in langen Diskussionen gelöst.

Mit diesen neuen Erkenntnissen ausgestattet machte ich mich dann widerwillig auf den Rückweg ins kleine Mellerud, das mir nach dem lebendigen Stockholm noch kleiner und verlassener vorkam. Jedoch hatte ich viel neue Energie und Zuversicht geschöpft, die mir vor dem Seminar ziemlich gefehlt hatten.


So startete ich die Woche nach Stockholm auch endlich mit Schwedisch-Untericht. Dieser läuft im Rahmen eines staatlich geförderten Programms für Immigranten (genannt SFI), so dass ich jetzt Schwedisch zusammen mit Menschen lerne, die aus den unterschiedlichsten Ländern wie Somalia, Thailand, Polen, Kosovo, Eritrea oder Spanien kommen. Da treffen wirklich Kulturen aufeinander. Ich konnte beispielsweise anfangs nicht glauben, dass ein Mann aus Somalia zwölf Kinder mit vier Frauen hat; die Somalier fanden es dafür sehr komisch, dass Sonia mit ihren 30 Jahren nicht verheiratet ist und keine Kinder hat.

Mir macht es aber eine Menge Spaß, Schwedisch zu lernen und es ist immer sehr interessant, die kulturellen Unterschiede während des Unterrichts meist zufällig zu entdecken.

Das Hörverstehen fällt mir immer leichter, schließlich reden die zwei sehr netten Schwedischlehrer auch non-stop Schwedisch. Auch das Lesen geht immer besser, jedoch trau ich mich noch nicht wirklich zu sprechen und kann auch kaum eigene Sätze bilden.

Um das Ganze etwas zu beschleunigen, schreibe ich aber beispielsweise mit meiner Tutorin Anette Kurznachrichten in Schwedisch und hab mir letztens auch die DVD „Wir Kinder aus Bullerbü“ aus der Bücherei ausgeliehen. Auf Schwedisch und mit schwedischen Untertiteln bugsierten mich die noch sehr vertrauten Szenen schnurstracks in meine Kindheit zurück.

Auf meinem Nachttisch liegen mittlerweile auch zwei schwedische Bücher von Astrid Lindgren, wer hätte es gedacht: „Pippi Langstrumpf“ und „Mio, mein Mio“ und warten darauf, von mir gelesen zu werden. Erstanden hab ich diese fast schon antiken Bücher sehr günstig auf einer riesigen Büchermesse in Göteborg, die wir zusammen mit dem Schwedischkurs besuchten.


Doch die letzten Wochen bargen noch mehr Neues.

Könntet ihr nämlich grad beim Schreiben hinter mich schauen, so würdet ihr ein großes, robustes Etwas in der Ecke lehnen sehen und bei genauerem Hinsehen könntet ihr auch einen Notenständer, Noten und ein Cellobrett entdecken. Ja, ich hab nun seit ca. zwei Wochen tatsächlich ein Cello! So hab ich nun also keine Ausreden mehr, nicht zu spielen… Ich nehme auch bei einer Art Projektorchester teil, das Mitte Oktober mehrere Stücke zusammen mit irischen Musikern aufführen wird. Dafür haben sie schon einige Male geprobt und letztes Mal war ich nun auch dabei. Und obwohl ich erst einmal dabei war und es auch nur noch eine Probe gibt, werde ich ohne Probleme beim Konzert mitspielen können. Aber nicht nur ich könnte noch ein paar mehr Proben vertragen. Sagen wir es mal so… ich vermiss unser altes Schulorchester doch sehr.

Aber es ist auf jeden Fall gut, mal wieder mit Leuten zusammen zu spielen und auch ein Ziel vor Augen zu haben.


Einen kleinen Abstecher zum Thema Arbeit bzw. zu meinem Projekt sollte ich nun doch noch machen.

Wie ihr wisst, gab es ja anfangs ziemliche Probleme, weil ich eigentlich keine wirklichen Aufgaben hatte und beispielsweise im Touristenbüro gearbeitet habe, obwohl das gar nicht teil meines Projekts war. Bevor wir nach Stockholm gefahren sind, führten Sonia und ich ein Gespräch mit einem Verantwortlichen unserer Koordinierungsorganisation „Europe Direkt“ in Åmål. Meine Chefin Carina gab uns nämlich nicht nur kaum Aufgaben und interessierte sich eigentlich gar nicht für unser Wohlergehen sondern verhielt sich Sonia gegenüber auch noch sehr unfreundlich und unprofessionell. Genau diese Punkte sollten bei einem erneuten Gespräch geklärt werden, diesmal mit Carina, Sonia, zwei „Europe Direkt“-Verantwortlichen und mir zusammen. Und stellt euch vor, die ganze Woche vor diesem Gespräch legte sich Carina plötzlich enorm ins Zeug, traf sich regelmäßig mit uns, schrieb uns Mails, erkundigte sich, wie es uns ging, war supernett zu Sonia und gab uns Aufgaben… Das spiegelt auch in etwa wieder, was ich für einen Eindruck von ihr habe. Sie spielt ihre Rolle und weiß genau, wie sie die Menschen für sich gewinnen kann. Dabei ist sie aber meiner Meinung nach überhaupt nicht authentisch und wegen ihrer Unehrlichkeit kann ich ihr auch nicht vertrauen. Naja, zumindest scheint jetzt alles erstmal besser zu sein. Wir treffen uns jetzt jede Woche mindestens einmal und einige Aufgaben warten nun tatsächlich auf mich. Diese Aufgaben kann man mit einem Stichwort zusammenfassen: Präsentationen vorbereiten! Eine Präsentation über Deutschland fürs Schaufenster, eine über mich und mein EVS für die Politiker und eine, um das EVS an der Schule vorzustellen, eine über die Partnerstädte Melleruds… und ach ja, in das Thema Städtepartnerschaften soll ich mich auch einarbeiten, aber soweit ich das verstanden habe, wird DAS keine Präsentation!

Im Moment gebe ich mich erstmal damit zufrieden und bin froh, mich nicht mehr den ganzen Tag zu langweilen. Ich frag mich aber schon, ob meine Aufgabe nur darin besteht, ein ganzes Jahr lang Präsentationen vorzubereiten.


Wenn es klappt, werde ich aber hoffentlich nun auch einige Stunden die Woche beim Deutschunterricht hier an der Schule helfen und die Lehrerin unterstützen, den motivierten Schülern die Sprache näher zu bringen. Ich freu mich aber schon drauf, weil das einfach mal eine neue Erfahrung ist und das ganze auch in einer völlig neuen Arbeitsumgebung mit anderen Kollegen statt findet.


Und wie geht’s mir mit alldem nun? Am besten lässt sich es vielleicht mit einer Berg-und-Tal-Fahrt beschreiben, ich schwanke immer zwischen Resignation, Frustration, sich allein fühlen und neue Hoffung schöpfen, Freude haben und die verschiedenen Momente mit ihren guten und schlechten Seiten zu genießen.

Der Herbst und die kalten, grauen Tage in Dunkelheit nähern sich, doch im Moment freu ich mich einfach auf gemütliche Abende mit Tee, einem guten Buch oder einem Film und Skype-Telefonaten. Und ich hoffe einfach, dass die Heizung in meinem Zimmer irgendwann noch richtig angeht und nicht so lauwarm bleibt wie bisher…

Nun bin ich schon mehr als zwei Monate hier, hab schon vieles erlebt und bin mittlerweile auch wirklich angekommen. Doch für viele von euch geht es jetzt erst los, die weite Welt (Australien, Neuseeland, Frankreich, Vietnam, Tschechien, Kolumbien…) wartet und auch die ziemlich neue Welt des Studierens tut sich nun für einige von auch auf. Aus Erfahrung kann ich euch hiermit auf den Weg geben: ihr schafft das, auch wenn es manchmal ausweglos erscheint! Ich hoffe sehr, dass ihr diese Zeit, die es wirklich nur einmal im Leben gibt, mit allen Höhen und Tiefen genießen könnt!


Ich bin mit vielen Gedanken bei euch und wünsche euch allen einen guten Start ins neue Schuljahr/Semester/in die Ausbildung/ins FSJ oder in den Freiwilligendienst/sämtliche Auslandsaufenthalte oder einfach nur zurück in den Alltag!

Es umarmt euch,

eure Jacqueline

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